"Deutsche haben einen eisernen Willen"
Ein isländischer Fußballspion und sein Netz

Bochums Thordur Gudjonsson und seine Frau haben vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland für den Nationaltrainer recherchiert.

BOCHUM. Anna Gudjonsson saß in Stuttgart im Stadion, ihr Mann Thordur zu Hause in Bochum vor dem Fernseher, und Anna Gudjonsson berichtete per Telefon nach Hause, was sie beim Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Italien vor zwei Wochen beobachtet hatte. Thordur Gudjonsson wiederum stand in stetem telefonischen Kontakt zu seinem Nationaltrainer Asgeir Sigurvinsson und verriet diesem die deutschen Tugenden. Gudjonsson, 29 Jahre alt und Bundesligaspieler beim VfL Bochum, weiß über den nächsten EM-Qualifikationsgegner Islands eines mit Gewissheit: "Die Deutschen spielen nicht besonders schön, aber sie haben einen eisernen Willen. Wir müssen sie hart attackieren."

Gudjonsson ist in Island so etwas wie ein Kronzeuge des deutschen Fußballs. Der defensive Mittelfeldspieler ist einer von gerade mal zwei Isländern in der Bundesliga. Der zweite ist sein Bruder Bjarni, 24, der ebenfalls zum Bochumer Kader gehört. Thordur Gudjonsson kennt den deutschen Fußball bestens. 61 Bundesligaspiele hat er für Bochum bestritten, die ersten 30 davon zwischen 1993 und 1997, die anderen seit dem vergangenen Sommer. Da ist er zurückgekommen nach Bochum nach einer Odyssee quer durch Europa.

Gudjonsson ist ein gutes Beispiel für die neue Generation der isländischen Nationalspieler. Sie spielen mittlerweile alle im Ausland, die meisten in Norwegen und England. "Alle haben internationales Niveau", sagt Gudjonsson. Genau das unterscheidet Island als Tabellenführer der Qualifikationsgruppe fünf von der kleinen Fußballnation, die es vor einigen Jahren war. "Vor 15 Jahren haben nur vier oder fünf Nationalspieler im Ausland gespielt - heute sind es alle." Deshalb ist Island plötzlich wer, und die deutsche Mannschaft wird sich ihren Sieg am Samstag (19.30 Uhr, live in der ARD) hart erarbeiten müssen vor 7000 Zuschauern im längst ausverkauften Stadion von Reykjavik.

In den vergangenen Tagen hat häufiger das Handy von Thordur Gudjonsson geklingelt. "Viele Bekannte haben angerufen und gefragt, ob ich ihnen Karten besorgen kann." Ging aber nicht. Gudjonsson hat selbst nur zehn Stück bekommen, "und ich habe eine große Familie in Island." Da trifft es sich gut, dass seine Brüder Bjarni und Johannes, der in Spanien spielt, ebenfalls zum Nationalkader gehören.

Seitdem Thordur Gudjonsson in der Nationalmannschaft unter der Regie des Trainers Sigurvinsson die rechte Außenbahn rauf- und runterrennt, hat er von sieben isländischen Toren drei vorbereitet und eines selbst erzielt. 47 Länderspiele hat Gudjonsson mittlerweile bestritten, und anders als beim Bochumer Trainer Peter Neururer ist er bei Sigurvinsson gesetzt. Am Samstag kann er den Bochumern zeigen, was sie an ihm haben. Die besten Voraussetzungen dafür hat er ja selbst geschaffen - mit seiner Nebentätigkeit im Nachrichtennetz der isländischen Fußballspionage.

Quelle: Handelsblatt

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