Deutsche in der Schweiz: „Arm, sexy – und unverschämt“

Deutsche in der Schweiz
„Arm, sexy – und unverschämt“

Drei zu eins. Herrje. Hätten sie sich nicht unentschieden trennen können, die Fußballteams aus Deutschland und der Schweiz vorgestern Abend? Das Ergebnis macht das Leben für Deutsche zwischen Genf und St. Gallen jedenfalls nicht einfacher.

ZÜRICH. Nirgendwo wird derzeit öfter das Bild vom "hässlichen Deutschen" aus der Schublade gezogen als gerade in der Schweiz. Peter Schneider beispielsweise, Psychoanalytiker und Zeitungskolumnist mit Wohnung in Zürich, sagt: "Sie sind arm und sexy; dreist, aber unverschämt: die Deutschen." Dann fügt er noch hinzu: "Während sie bei sich zu Hause im Aussterben begriffen sind, vermehren sie sich hier zu Lande in einem Ausmaß, das beunruhigt."

Solchen Gefühlsausbrüchen lässt sich am besten mit nüchternem Zahlenmaterial entgegentreten: Das Bundesamt für Statistik in Bern stellt fest, dass jeder fünfte Einwohner (20,6 Prozent) ein Nicht-Schweizer ist, weil er einen ausländischen Pass besitzt. Von diesen 1,54 Millionen Menschen bilden wiederum die Deutschen nur die viertgrößte Gruppe, hinter den Italienern, Serben und Montenegrinern, die in der Schweiz noch zusammengezählt werden, und den Portugiesen. "Herr Schneider, halten Sie Ihre Gefühle im Zaum!" müsste also die Entgegnung lauten.

Doch da werden auch andere Stimmen laut: "66 Prozent der Schweizer finden, es gebe zu viele Deutsche in der Schweiz", hat eine eidgenössische Boulevard-Zeitung pünktlich vor dem Fußballspiel von Meinungsforschern ermitteln lassen und prominent platziert. Hinter solchen Regungen steckt oberflächlich das, was Statistiker Zuwachsrate bezeichnen. Sie zeigt, dass die Deutschen mal wieder auf dem "Vormarsch" sind - ein Begriff, der unschöne Erinnerungen weckt, aber doch nur meint, dass wir in der Schweiz drauf und dran sind, die Portugiesen als bisher drittgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe zu überholen. Hinter dieser Entwicklung steckt die mit der EU vereinbarte Personenfreizügigkeit.

Tiefgründiger geht es jedoch um anderes. Im eidgenössischen Wirtschaftsleben beispielsweise gibt es drei ganz große Unternehmen, die so was von schweizerisch sind, dass sie es sogar in ihrem Namen tragen: die Bank Credit Suisse, die Telefongesellschaft Swisscom und die Fluglinie Swiss. Ihre Chefs heißen Oswald Grübel, Carsten Schloter und Christoph Franz. Was schön deutsch klingt, ist auch so. Alle drei stammen aus dem "großen Nachbarkanton", wie die Schweizer sagen würden.

Im eidgenössischen Bildungsleben führt die Sorge vor zu vielen Deutschen derzeit zu einer Renaissance des Schwyzerdütsch und dort, wo das wirklich nicht geht, zu einer Art Hochschwyzerdütsch. Beispiel: "Der fehlbare Lenker fuhr bei einem Selbstunfall ins Kandelaber und wurde hospitalisiert, verzeigt und gebüsst." Wäre der Lenker ein Deutscher, wäre er womöglich auch noch "ausgeschafft" worden. Literaturprofessoren wie Peter von Matt, der an der Universität Zürich lehrte, stellen deswegen inzwischen fest: "Ich halte die Vergammelung der hochdeutschen Sprachkultur in der Schweiz für einen nationalen Notstand."

Mit solchen Sätzen hilft der Professor dem Verhältnis aber sicher auch nicht auf die Sprünge. Deswegen sei hier festgehalten: Liebe Schweizer, ihr habt die höchsten Berge und Löhne sowie die tiefsten Täler und Steuern. Neuerdings habt ihr auch Aldi. Deswegen kommen wir gern.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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