Deutsche IT-Branche hält Pläne der USA für überzogen
Skepsis gegenüber Internet-Schutzschild

Während die USA den Aufbau eines nationalen Internet- Schutzschildes anstreben, setzt die Bundesregierung auf eine Expertengruppe, die beständig Schwachstellen im Netz analysiert und die Unternehmen vor Gefahren warnt.

HB DÜSSELDORF. Die Bundesregierung und die deutsche Wirtschaft haben sich skeptisch über den Plan der USA geäußert, einen nationalen Schutzschirm gegen Angriffe auf Datennetze aufzubauen. Der Sprecher des Innenministeriums in Berlin, Rainer Lingenthal, sagte, die Gewährleistung von mehr Sicherheit im Internet sei ein ständiger Prozess. Entsprechend der technologischen Entwicklung müsse täglich neu nach Sicherheitslücken oder Bedrohungspotenzial gesucht werden. Die einmalige Errichtung eines Schutzschildes reiche nicht aus, vielmehr stelle sich die Sicherheit der Netze als Daueraufgabe dar, an der Staat und Wirtschaft gemeinsam kontinuierlich arbeiten müssten. Beim Branchenverband Bitkom hieß es, der Versuch der USA, analog zum Raketenabwehrschirm NMD einen virtuellen Schirm aufzubauen, gehe über das Ziel hinaus.

Angesichts der zunehmenden Hacker-Angriffe auf das Internet hat Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) bereits vor einem Jahr eine Task Force "Sicheres Internet" eingesetzt. Zentrale Aufgabe dieser Expertengruppe ist die fortlaufende Beobachtung des Netzes, die Erstellung von Bedrohungsanalysen sowie die Konzeption erforderlicher Gegenmaßnahmen. Vertreten sind Experten der Bundesministerien für Inneres, Wirtschaft und Justiz sowie das Bundeskriminalamt und das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Mit Hilfe von Firmen wie Siemens oder Debis erarbeiten die Experten einheitliche Sicherheitskriterien, um IT-Produkte und Systeme prüfen und bewerten zu können. Das BSI bietet entsprechende Zertifizierungen an und gibt Firmen und Behörden konkrete Empfehlungen.

Eine Studie über Schutzschilde im Internet, so genannte Firewalls, hat Siemens im Auftrag des BSI bereits 1997 erarbeitet. Auch Debis hat 1998 eine Übersicht erstellt von Produkten zur Erkennung von Angriffsversuchen, so genannten Intrusion Detection Systems.

Die Ursache für neue Bedrohungen liegt etwa in der Tatsache,dass nicht mehr nur Texte übertragen werden, die der Empfänger lediglich liest oder speichert. Vielmehr werden heute eine Vielzahl von Daten übertragen, die beim Empfänger aktiv Veränderungen am Zustand seines Systems vornehmen können. Auch die Gewährleistung des Datenschutzes wird als Teil der Sicherheit im Internet verstanden. Schily sieht diese Aufgabe als "Schlüsselfrage einer modernen Volkswirtschaft". Man werde in Zusammenarbeit mit den Unternehmen weiter alle Maßnahmen ergreifen, um den "neuen Angriffen auf die Sicherheit unseres Wirtschaftslebens einen Riegel vorzuschieben."

Beim Branchenverband Bitkom und beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) beurteilt man die Zusammenarbeit mit der Bundesregierung positiv. Wachsamkeit sei zwar geboten. Die USA neigten aber dazu, über das Ziel hinauszuschießen, sagte der Referent für IT-Sicherheit bei Bitkom, Günther Welsch, dem Handelsblatt. "Es ist ja nicht so, dass wir den Dritten Weltkrieg im Internet fürchten müssten." Notwendig sei vor allem, das Bewusstsein für die Gefahren zu schärfen, die im Internet lauerten. Gerade kleineren Firmen sei oft nicht klar, welche Risiken dort lauerten. Dies sei aber keine nationale Verteidigungsaufgabe.

Die Zusammenarbeit mit der Bundesregierung in diesem Bereich bezeichnete Welsch als sehr gut. Auch der BDI-Internetspezialist Niels Lau sprach von einer guten Kooperation zwischen Wirtschaft und Regierung. Das Denken in Kategorien der nationalen Sicherheit sei in den USA ausgeprägter als in Deutschland. Der Aufbau eines nationalen Abwehrschirms sei in der Bundesrepublik schon aus rechtlichen Gründen problematisch, weil dieses Problem im europäischen Kontext gelöst werden müsse.

Bei der Bundeswehr wollte man die amerikanischen Pläne nicht kommentieren. Ein Sprecher sagte, man nehme die Gefahr von Angriffen aus dem Internet sehr ernst. Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) hat sich zum Ziel gesetzt, die unterschiedlichen IT-Systeme der Bundeswehr untereinander kommunikationsfähig zu machen. Damit steigt auch die Notwendigkeit, sich vor Attacken zu schützen.

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