Deutsche Konjunktur
Der Aufschwung ist eine Schnecke

Null Komma drei sind nicht gleich null Komma drei. Auf den ersten Blick waren die deutschen Wachstumszahlen für das zweite Quartal genauso schlecht wie die für das erste. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im Quartalsvergleich erneut nur um 0,3 Prozent zu.

Aber trotz des unter dem Strich enttäuschenden Wachstums: In den langen Zahlenkolonnen des Statistischen Bundesamtes blitzen einige zarte Hoffnungsschimmer auf. Sicherlich, von einem echten Aufschwung fehlt weiterhin jede Spur. Aber wenigstens zum Teil hat sich die deutsche Wirtschaft im Frühjahr etwas besser geschlagen als zu Jahresbeginn.

Denn immerhin schaffte Deutschland im zweiten Quartal das Wachstum aus eigener Kraft. Im ersten Halbjahr kletterte das BIP nur, weil die Exporte zulegten und die Importe einbrachen. Dieser Effekt beflügelte damals das Wachstum um 1,1 Prozentpunkte. Mit anderen Worten: Ohne den Kollaps bei den Einfuhren wäre das BIP zwischen Januar und März erneut zurückgegangen.

Ganz anders war es im zweiten Quartal. Zwar wuchsen die Ausfuhren stärker als zu Jahresbeginn, aber die Einfuhren legten noch kräftiger zu - ein Signal dafür, dass sich die Inlandsnachfrage belebt hat.

Dies ist die zweite gute Nachricht: Zwischen April und Juni hat sich die Binnenwirtschaft vorerst wieder gefangen. Die inländische Nachfrage ist zum ersten Mal seit einem Dreivierteljahr gegenüber dem Vorquartal leicht gestiegen. Das Plus war sogar so groß wie seit zwei Jahren nicht mehr. Weil die Realeinkommen kletterten und sich die Inflation in Grenzen hielt, haben die Privatleute ihren Konsumstreik im Frühjahr beendet - früher, als viele Ökonomen erwartet hatten.

Doch trotz dieser kleinen Lichtblicke: Die deutsche Konjunktur steht auf überaus wackeligen Beinen. Zum einen, weil der weitaus größte Schub für die Binnennachfrage aus den Unternehmen kam. Sie reduzierten ihre Lagerbestände deutlich langsamer als im ersten Quartal - und beflügelten dadurch das Wachstum um 0,8 Prozentpunkte. Zwar ist es normal, dass die Unternehmen am Anfang einer Erholungsphase ihre Lager wieder füllen. Doch dies allein kann die Wirtschaft nur kurzfristig in Schwung bringen - in den kommenden Monaten wird der Effekt verpuffen.

Zum anderen muss für einen echten Aufschwung in den Firmen die Eiszeit bei den Investitionen enden. Und davon kann immer noch keine Rede sein. Im zweiten Quartal ging die Talfahrt bei den Ausrüstungsinvestitionen fast ungebremst weiter. Und bei den Bauinvestitionen erreichte das Minus sogar einen traurigen Höhepunkt: Das Minus war so groß wie seit gut fünf Jahren nicht mehr.

Daher muss sich Deutschland darauf einstellen, dass die Wirtschaft im Gesamtjahr bestenfalls genauso schleppend wächst wie 2001. Damals legte das deutsche BIP im Jahresvergleich um 0,6 Prozent zu. Zwar sind die Auftragsbücher der Industrie-Unternehmen relativ gut gefüllt, die Bauwirtschaft dürfte dank der Hochwasser-Schäden ein Strohfeuer erleben, und auch beim privaten Konsum könnte sich der leichte Aufwärtstrend fortsetzen. Mehr als eine Erholung im Zeitlupentempo ist aber nicht drin. Doch in Zeiten wie diesen muss man schon mit wenigem zufrieden sein.

Quelle: Handelsblatt

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