Deutsche Konzerne hielten US-Töchter zu lange an der langen Leine
Versicherer erleiden Debakel in den USA

Ob Allianz, Gerling oder Münchener Rück: Ihre Töchter in den Vereinigten Staaten bringen deutschen Versicherern kein Glück - sondern vor allem Verluste. Die Gesellschaften verweisen auf den extrem wettbewerbsintensiven Markt. Doch Kritiker wie etwa Rating-Analysten begründen die Miesen auch mit Kontroll-Defiziten.

HB DÜSSELDORF/ HANNOVER. Die USA sind der größte, aber offenbar auch der schwierigste Markt für Versicherer. Denn viele Gesellschaften haben mit ihren US-Töchtern wenig Freude. Auch den deutschen Versicherern verhageln ihre amerikanischen Gesellschaften regelmäßig die Bilanzen. Mitte Juli musste etwa die Münchener Rück nochmals zwei Milliarden Dollar für ihre Tochter American Re locker machen, um deren Reserven zu stärken. Beim traditionsreichen Gerling-Konzern führten die Probleme der Rückversicherungs-Sparte in den USA gar dazu, dass das ganze Unternehmen nun zum Verkauf steht. Und die Probleme könnten sich weiter verschärfen: So erwarten die Analysten der Rating-Agentur Fitch, dass für Asbest-Schäden in den USA noch 10 bis 35 Mrd. Dollar Nachreservierungen nötig werden könnten.

"Die Ursache für die Verluste der US-Töchter der Versicherer liegt darin, dass der US-Markt sehr wettbewerbsintensiv ist. Preise und Reserven waren in der Vergangenheit nicht ausreichend", sagt David Wharrier, Analyst von Fitch in London. Den Wettbewerb spüren auch die US-Anbieter. So hatte General Re, der Rückversicherer, der zu Warren Berkshire Hathaway gehört, im Jahr 2001 für das nordamerikanische Schaden-/Unfallgeschäft einen Verlust von 800 Mill. Dollar verbucht. Grund: unzureichende Reservierung für die Vorjahre. Vor allem in den Jahren 1998 bis 2000 mussten die Versicherer in den USA hohe Schäden zahlen. Wegen des harten Wettbewerbs konnten sie aber keine Preiserhöhungen durchsetzen.

Und nun kommt das dicke Ende für die Versicherer. Münchener Rück-Chef Hans-Jürgen Schinzler musste sich auf der Hauptversammlung bereits harte Kritik zum Kauf der American Re anhören. Eine Sprecherin räumte ein, dass man "hinterher immer schlauer" sei. Die Verluste in den USA seien aber kein spezifisches Problem deutscher Versicherer.

Allerdings scheinen die deutschen Versicherer Schwierigkeiten zu haben, ihre US-Gesellschaften zu kontrollieren: "Bei vielen US-Töchtern paart sich das kurzfristige Gewinndenken der Amerikaner mit zu großer Toleranz der Europäer für unbefriedigend laufende Teilgesellschaften", sagt Wolfgang Rief, Direktor bei Standard & Poor?s in Frankfurt. Auch Fitch-Experte Wharrier ist der Ansicht, dass zum Beispiel die Münchener Rück ihrer US-Tochter zu lange zu viel Spielraum gegeben hat. Ende 2001 hatte die Münchener Rück das Management der American Re ausgetauscht. Doch erst als im Juli diesen Jahres noch ein Milliardenloch bei der US-Tochter auftauchte, wurde die Strategie geändert. Das internationale Rückversicherungs-Geschäft wird nun komplett bei der Mutter in München gezeichnet.

Beobachter erstaunt in dem Zusammenhang, dass von der Hannover Rück zu Problemen in den USA bislang nichts zu hören ist. Dabei nehmen die Hannoveraner rund 54 Prozent ihrer Prämien in den USA ein. "Besonders einschlägig für Nachreservierungen ist in den USA das Haftpflichtgeschäft. Hier sind wir erst Mitte der 80-er Jahre eingestiegen- zu einem Zeitpunkt also, als die Asbestproblematik bereits bekannt war", sagte Wilhelm Zeller, Vorstandsvorsitzender der Hannover Rück, dem Handelsblatt. Nur knapp sechs Prozent der 11,5 Mrd. Euro Bruttoprämie stammten aus US-Haftpflichtgeschäft.

Auch Zeller sieht für europäische Unternehmen Probleme, die Risikozeichnungspolitik von US-Rückversicherer-Töchtern zu kontrollieren: "Während unsere Wettbewerber große, autonome Töchtergesellschaften in den USA besitzen, zeichnen wir all unser Rückversicherungsgeschäft zentral von Hannover aus. Das erleichtert die Kontrolle erheblich." Gleichwohl räumt er ein, dass dieser Umstand nicht unbedingt aus purer Weisheit, sondern auch aus Geldknappheit entsprungen ist; denn für den Kauf einer US-Rücktochter fehlte den Hannoveranern schlichtweg das Geld.
Allerdings ist auch die Hannover Rück mit einer Tochter in den USA vertreten: Die Clarendon schreibt aber so genanntes Programmgeschäft. Dabei versichert sie mit einem hohen Risiko behaftete Gruppen wie junge Fahranfänger, die sonst keine Police bekämen. 80 Prozent der gezeichneten Risiken reicht das Unternehmen an andere Versicherer weiter. "Bei dem Programmgeschäft der Hannover Rück warten viele aber noch auf den großen Knall. Bisher scheint dieses riskante Geschäft zu laufen", sagt ein Analyst, der nicht genannt werden will.

Über die Probleme mit der Dresdner Bank gerät bei der Allianz fast schon aus dem Blickfeld, dass sie auch in den USA noch eine Baustelle hat: Fireman?s Fund. Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen 357 Mill. Euro Verlust. Die Wurzel des Übels hier lag aber in schlechten Aktienkäufen; zu lange setzten die Feuermänner auf die heißen Techwerte. Auch hier soll nun saniert werden. Das Management wurde ausgetauscht, das Unternehmen konzentriert sich auf fünf Kerngeschäftsfelder, die Kosten sollen runter, daher mussten über 1000 Leute bereits gehen. Zudem klopfen derzeit interne Berater nochmal die Bücher ab, ob nicht auch bei Fireman?s Fund noch Asbest-Risiken schlummern. Im Herbst sollen dazu Ergebnisse vorliegen, sagte ein Allianz-Sprecher.

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