Deutsche Langläufer bei Nordischer Ski-WM im Favoritenkreis: Medaillen für den besten Boxenstopp

Deutsche Langläufer bei Nordischer Ski-WM im Favoritenkreis
Medaillen für den besten Boxenstopp

Für olympische Medaillen hat es bei Jochen Behle nie gereicht. Berühmt geworden aber ist er. Ein aufgeregter Fernsehreporter vermisste ihn einst in Lake Placid - daran erinnert man sich noch immer. Inzwischen ist der Hesse Bundestrainer und hofft auf WM-Medaillen.

VAL DI FIEMME. Er wartet das Ende der Frage nicht ab. Sie ist ihm immer und immer wieder gestellt worden. "Das war 1980. Es geht doch um ,Wo ist Behle?? Richtig?" Richtig. Der Mann hat an zehn Weltmeisterschaften und sechs Olympischen Spielen teilgenommen, nie eine Medaille gewonnen und ist dennoch zu einer Art Ikone des deutschen Skilanglaufs geworden. Dank Bruno Morawetz. Der Doyen unter den nordischen Skireportern hatte dem einsamen deutschen Langläufer mit seiner berühmt gewordenen Besorgnis über dessen Verbleib bei einem olympischen Rennen in Lake Placid ein Denkmal gesetzt.

Jetzt ist Jochen Behle, inzwischen 42 Jahre alt, Bundestrainer und kann ganz realistisch über Medaillenchancen bei Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Val di Fiemme in den Dolomiten reden. In den Staffeln, in der Doppelverfolgung, im Sprint, inden Langstrecken, im freien Stil. So ändern sich die Zeiten. Die Medaillenhoffnungen heißen Evi Sachenbacher, Claudia Künzel, Manuela Henkel, Rene Sommerfeldt, Axel Teichmann, Tobias Angerer.

Seit der Hesse im dritten Jahr das Sagen hat - zunächst als Koordinator, seit diesem Jahr offiziell als Bundestrainer - und seine Ideen "hartnäckig und konsequent" durchsetzt, hat der deutsche Skilanglauf sein jahrzehntelanges Aschenputteldasein beendet. Langlauf war vor seinem Amtsantritt nie eine Domäne der Deutschen. Mittlerweile aber rangiert Deutschland in der Nationenwertung auf Platz zwei hinter Norwegen.

Gold (Damenstaffel), Silber (Evi Sachenbacher und Peter Schlickenrieder im Sprint), Bronze (Herrenstaffel) in Salt Lake City haben deutsche Loipen-Gechichte geschrieben und natürlich Begehrlichkeiten geweckt. Die einst dominierenden Alpinen, die in den vergangenen zwei Wochen bei der WM in St. Moritz leer ausgingen, müssten vor Neid platzen. "Die Ergebnisse in den Weltcuprennen dieses Winters waren gut. Die Erwartungen sind daher hoch", weiß Behle. Und stellt fest: "Wir haben das Leistungsvermögen, um vorne mitzumischen."

Allerdings noch nicht in den ersten drei Rennen, 15 km Damen und 30 km Herren klassisch mit Massenstart sowie 10 km Damen klassisch. Die Deutschen sind keine ausgesprochenen Klassiker wie die Skandinavier. Die Medaillenjagd beginnt für Behles Dutzend (fünf Damen, sieben Herren) erst im zweiten Teil des modernisierten Langlauf-Programms. Behle verzichtet sogar in den ersten Rennen darauf, alle vier Startplätze zu besetzen. Nur jeweils zwei, Jens Filbrich und Andreas Schlüter sowie Manuela Henkel und Viola Bauer, werden bei den Auftaktrennen heute und morgen starten. Schonung für die Staffel heißt Behles Devise. "Anders als bei Olympia ist das Programm hier viel dichter gedrängt. Auf diesem Niveau ist es unmöglich, in elf Tagen sechs Wettkämpfe zu bestreiten." Also dosiert der Bundestrainer die Einsätze vor den Schwerpunkten. Keiner dürfe drei Wettkämpfe vor den Staffelrennen bestreiten.

Die immer wieder neu und attraktiver fürs Fernsehen und das Publikum gestalteten Wettkampfformen haben für eine zusätzliche Motivation gesorgt. "Die Athleten laufen nicht mehr in völliger Abgeschiedenheit jeder für sich durch den Wald. Der Läufer kann sich im Fernsehen und vor dem Publikum jetzt viel besser darstellen", erläutert Behle den Wandel zu mehr Transparenz. So gibt es erstmals bei Weltmeisterschaften einen vorgeschriebenen Skiwechsel. Doppelverfolgung heißt diese Disziplin, bei der nach zehn Kilometern die Läufer (die Läuferinnen nach fünf Kilometern) die Ski vom klassischen zum freien Stil wechseln müssen. Boxenstopp wie bei der Formel 1. Der Wechsel wurde im Training geübt. Deutscher Medaillenanwärter bei diesem Spektakel ist Axel Teichmann, obwohl er im Januar durch Krankheit etwas zurückgeworfen wurde. Aber der Thüringer hat die einzige Doppelverfolgung im Weltcup dieses Winters in Ramsau gewonnen.

Mit einem Seufzer bedauert Jochen Behle, dass die telegene Langlauf-Revolution erst nach seiner aktiven Zeit stattfand. "Massenstart und Sprint, das wäre auch was für mich gewesen", glaubt er. So freilich kann er für sich in Anspruch nehmen, allein durch den aufgeregten Ruf eines Fernsehreporters berühmt geworden zu sein.

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