Deutsche Leichtathleten wehren sich vor der WM gegen das Gemeinschaftsgefühl
Bloß kein Teamgeist!

Mike Fenner trägt eine dieser coolen Sonnenbrillen, und die Schnürsenkel seiner roten Turnschuhe sind offen. Er sitzt lässig auf einer Eisenstange an der Tartanbahn des Leistungszentrums Kienbaum und beobachtet Lars Börgeling. Der Stabhochspringer macht Aufwärmübungen.

HB BERLIN. Fenner hingegen kann nicht trainieren. Leistenprobleme, nichts zu machen. Er hat's bis zuletzt versucht, aber die Leichtathletik-WM in Paris findet trotzdem ohne ihn statt. "Ich hätte keine Chancen aufs Finale", sagt er.

In Kienbaum trainieren seit gestern die Mitglieder der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft, die ab Sonnabend bei der WM antreten. Vor Fenner haben schon Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler und Nils Schumann, der 800-m-Olympiasieger, verletzt abgesagt. Bernd Schubert, der Cheftrainer, redet trotzdem von Platz drei der Nationenwertung bei der WM und fünf bis acht Medaillen. Und davon, dass er keine Schwarzmalerei betreiben wolle, obwohl es nicht wirklich viele deutsche Medaillenhoffnungen gebe.

Die, die es gibt, heißen Boris Henry, Karsten Kobs und Steffi Nerius und sind alle 30 Jahre alt oder älter. Zumindest Speerwerfer Henry hat seine Probleme mit dem so genannten Geist von Kienbaum. Denn hier, zwischen Bäumen, Sportplätzen und einem idyllischen See und bei viel Vogelgezwitscher soll Teamgeist entstehen.

Aber Henry findet Kienbaum ziemlich überflüssig. "Man kann Teamgeist nicht verordnen", sagt er. "Ich bin 30 Jahre alt, ich kann selber entscheiden, wo ich mich am besten auf eine WM vorbereite." In Saarbrücken zum Beispiel. Dort wohnt er. Aber auch Karsten Kobs, der Hammerwurf-Weltmeister von 1999, ist nicht sonderlich begeistert. 5000-m-Olympiasieger Dieter Baumann spricht sogar von "Geldverschwendung".

Lars Riedel aber redet von "Idylle" und "Erholung" und davon, "dass einem hier doch alle Wünsche von den Augen abgelesen werden". Ihm, dem fünfmaligen Diskus-Weltmeister, gefällt es in Kienbaum. Hier fragen ihn junge Athleten um Rat, hier lernt er Teamkollegen zumindest so weit kennen, "dass ich später weiß, welche Disziplin die betreiben". Und wenn er "ein bisschen Hektik will, kann ich nach Berlin fahren". Viel wahrscheinlicher aber ist es, dass er sich abends auf den Bootssteg setzt, seine Angel auswirft und dabei die Ruhe genießt. Er kann das jetzt besser als früher, einfach nur genießen. Schließlich ist er nicht der Topfavorit bei der WM.

Bernd Schubert kann mit dem Gejammer über den Zwangsaufenthalt nicht viel anfangen. Im Dezember hatte er mehrere Sportler über den Plan informiert, dass sich vor der WM das ganze Team in Kienbaum treffen solle. Im April erfuhren es dann alle Athleten schriftlich. "Und wissen Sie, wie viele sich damals beschwert haben?", fragt er einigermaßen empört. "Keiner."

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