Deutsche Mütter urteilen: Ursula von der Leyen: Zu perfektes Röschen

Deutsche Mütter urteilen
Ursula von der Leyen: Zu perfektes Röschen

Dankbarkeit ist keine Kategorie der Politik - lautet ein wenig beachteter Sinnspruch der Politkaste. Wie wahr das ist, muss derzeit verschärft Familienministerin Ursula von der Leyen erfahren. Im Kampf für mehr Kinderkrippen bringt die Hannoveranerin die Traditionalisten der Union gegen sich auf - und dennoch halten die meisten Mütter der Republik die Ministerin für altmodisch.

BERLIN. Ein "modernes Frauenbild" attestiert von der Leyen gerade mal jede fünfte Mutter - selbst unter berufstätigen Müttern nicht mal jede vierte. Das ergab eine Umfrage der Innofact AG unter 1 071 Müttern im Auftrag der Werbeagentur Euro RSCG.

Geradezu vernichtend fällt die Antwort auf die Frage nach dem Familienbild der Ministerin und siebenfachen Mutter aus: Nicht einmal 13 von hundert Frauen finden, dass dieses mit den "Lebens- und Alltagsrealitäten" der deutschen Durchschnittsmutter übereinstimmt.

"Röschen", wie die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht in Hannover gern genannt wird, kann es ihnen nicht recht machen: Auch eine vorbildliche Mutter könne die Ministerin keinesfalls sein, argwöhnen vier Fünftel der Gefragten - die zahlreichen Hochglanz-Homestorys über Kinderschar und Haustierpark haben offenbar keine Annäherung zwischen dem einfachen Muttervolk und der vielfachen Vorzeigemutter im Kabinett gebracht.

Selbst die Auftraggeber der Studie konnten die Ergebnisse zunächst kaum glauben. Da setzt ausgerechnet eine Christdemokratin Elterngeld und Steuervorteil bei der Kinderbetreuung durch, macht den Aufbruch in die schöne betreute Kinderwelt zu ihrem persönlichen Maximalziel und erntet: Ablehnung und Misstrauen.

Die Erklärung ist rein psychologischer Natur und hat überhaupt nichts mit Politik zu tun, glauben die Werber aus Düsseldorf. Zum Verhängnis werde von der Leyen vielmehr ihr "öffentlich demonstriertes Bild als Überideal, das sowohl als Mutter als auch im Beruf Superwoman-Qualitäten zeigt". Richtig rundum gut und noch dazu erfolgreich, stets freundlich und höflich - so dürfen Frauen halt offenbar auch nicht sein.

Die Agentur hält das für ein gutes Zeichen: Heutige Mütter hätten sich eben "definitiv vom Perfektionsdruck befreit", schlussfolgert Ursula Fuhrhop von RSCG. Also wollen sie auch keine perfekte Ministerin.

Was sie jedoch durchaus wollen, sind Krippenplätze. 82 Prozent der Deutschen fordern einen Ausbau; auch im vermeintlich traditionelleren Westen der Republik sind es nach einer Emnid-Umfrage für den Sender N24 immerhin 78 Prozent.

Das heißt noch lange nicht, dass die Krippe als das Nonplusultra gilt: 72 Prozent der Westdeutschen finden die Betreuung der Kleinsten durch Mutter und Vater am besten. Im sozialistisch geprägten Osten dagegen gibt eine knappe Mehrheit der Krippe den Vorzug.

86 Prozent aller Deutschen finden zugleich, dass die Arbeit nicht-berufstätiger Mütter zu wenig gewürdigt wird. Wer hier eine Kluft zwischen den Generationen vermutet, täuscht sich: Selbst von den Frauen unter 30 wünscht sich die übergroße Mehrheit mehr Anerkennung für die Hausfrauen unter den Müttern.

Der Arbeitsauftrag für "Röschen" von der Leyen ist klar: Zu Hause sitzende Mütter mit Lob überschütten, den anderen schnell viele Kitaplätze besorgen und öffentlich endlich nachweisen, dass sie ihre eigenen Kinder auch mal links liegen lässt und zumindest ab und zu im Job ein wenig patzt, weil die Familie ruft. Mehr nicht.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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