Deutsche Post legte weltweit drittgrößten Börsengang hin
Logistik - eine Branche wird von der Börse entdeckt

Start-up-Unternehmen sind in den zurückliegenden zwölf Monaten wieder zahlreich auf den Kurszettel gekommen. Dass aber gleich eine ganze Branche von den Anlegern entdeckt wird, ist ungewöhnlich und hat dem turbulenten Börsenjahr 2000 einen Charakterzug mehr verliehen.

vwd DÜSSELDORF. Logistik heißt das Neuland der Aktionäre - ein Metier, das sich mit Slogans a la "Sie klicken, wir liefern" eingängig beschreiben lässt, dem zahlreiche Neue-Markt-Debütanten angehören und das spätestens mit dem Mammut-Börsengang der Deutsche Post AG in aller Munde war. Auch wenn die "Aktie Gelb" nicht durchstartete: Experten prophezeien dem Sektor eine gute Zukunft.

"Die Post und die Thiel und die D.Logistics dieser Welt haben dem Thema Logistik eine neue Dimension verliehen", meint Analyst Christian Obst von der Hypo-Vereinsbank. Denn im Zeitalter des Internethandels, dem Bedarf an punktgenauer Warenlieferung und der Auslagerung ganzer Betriebsteile sind viele neue Dienstleistungen entstanden. Die Ver- und Entsorgung von Krankenhäusern mit medizinischem Material etwa, womit sich die Thiel Logistik AG einen Namen gemacht hat. Und die Börse hätschelte die Branche: Im Sommer, als Dax und Nemax schon die Köpfe hängen ließen, waren Logistik-Aktien hoch im Kurs.

Irgendwann konnten auch sie sich dem allgemeinen Abwärtstrend nicht mehr entziehen. Fundamental gesehen gab es aus Analystensicht keine plausible Erklärung für die sinkenden Kurse. Die Branche habe wirtschaftlich ein recht gutes Jahr hinter sich, sagt Obst. Die Auslandsmärkte in Asien und Amerika hätten sich positiv entwickelt, und der starke Dollar habe dem Sektor genutzt. Die Frachtraten im Containerschiffbereich etwa seien so gestiegen wie seit drei bis vier Jahren nicht mehr. Negativ habe der hohe Ölpreis zu Buche geschlagen. Ins neue Jahr blickt der Analyst hingegen verhaltener: Wenn die US-Wirtschaft an Dynamik verliere und der Dollar falle, dämpfe das auch die Logistik.

Die langfristigen Perspektiven sind jedoch durchaus freundlich. Studien zufolge dürften die Umsätze der noch sehr fragmentierten Branche in den kommenden Jahren um je 15 bis 20 Prozent zulegen. Die Gesamtausgaben für Logistik in Europa wurden 1998 auf 146 Mrd. Euro geschätzt; bis 2003 soll der Markt auf gut 190 Mrd. Euro anwachsen. Vor einem regelrechten Boom steht laut Untersuchungen das E-Business, von dem sich die logistischen Dienstleister so viel versprechen. Hier sollen die weltweiten Erlöse von noch nicht 700 Mrd. US-$ dieses Jahr auf 4 000 Mrd. US-$ 2003 hochschnellen.

Deutsche Post legte weltweit drittgrößten Börsengang hin

Logistik ist allerdings weit mehr als der Expressbote, der die Online-Bestellung an die Haustür liefert. Materialbeschaffung, Lagerhaltung, Verpacken, Konfektionieren, Preisauszeichnung, Bestellwesen, Kostenplanung, Zollabfertigung, Finanzabwicklung, Bearbeitung von Rücksendungen - im Idealfall bieten Logistiskunternehmen alles aus einer Hand. Das so genannte One-Stop-Shopping hat beispielsweise auch die Deutsche Post auf ihren Fahnen geschrieben. Der jetzt teilprivatisierte Konzern legte den weltweit drittgrößten Börsengang dieses Jahres hin.

Im Rahmen eines gigantischen Werbefeldzugs ging die "Aktie Gelb" weg wie warme Semmeln. Doch mangels Bewegung im Kurs droht sie zu vergilben. Frischen Wind versprechen sich die Post und ihre Beobachter im Frühjahr von einer Aufnahme in den Dax. Von den Neue-Markt-Titeln werden einige hingegen für überwertet gehalten; ihre prognostizierten hohen Wachstumsraten seien bereits eingepreist. Die Anleger sollten genau hinschauen, wem sie ihr Kapital anvertrauen. Gleichwohl erwarten Analysten, dass noch weitere Logistikunternehmen den Gang an die Börse wagen werden.

Deutschland ist nämlich in Sachen Outsorcing entsprechender Dienste noch unterentwickelt: Von den schätzungsweise knapp 44 Mrd. US-$, die der hiesige Logistikmarkt 1999 umfasste, wurden erst 27 Prozent "außer Haus" erwirtschaftet. In Großbritannien dagegen waren es schon knapp 40 Prozent. Und Möglichkeiten für Newcomer sind allemal vorhanden. Was sich an Potenzial heben lasse, habe beispielsweise die Stinnes AG gezeigt, die ihre "Sortimentslogistik" auf das Management der Warenregale von Kaufhäusern ausweiten will, betont Obst: "In diesem Markt gibt es noch eine ganze Menge interessanter Nischen."

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