Deutsche Schicksale sollen Quoten bringen
Fernsehsender kämpfen um die Angehörigen der Opfer

Die einen malen schwarze Kreuze hinter Namen von mutmaßlich Toten. Andere machen rote Striche, manche nehmen gelbe Markierstifte. Je wahrscheinlicher der Tod einzelner Deutscher wird, desto stärker ist der betreffende Name auf den "Schreckenslisten" gekennzeichnet, die überanstrengte Mitarbeiter des Krisenstabes der Bundesrepublik in New York führen.

dpa NEW YORK. Die weitaus meisten waren offenbar für deutsche Firmen tätig. Aber es gibt auch einige wenige Verdachtsfälle unter Touristen, die zum Zeitpunkt des Terrorangriffs ganz oben in der Aussichtsetage eines der beiden Türme gestanden haben könnten.

Die Angst, die furchtbare Ungewissheit von Angehörigen oder Freunden klingt in vielen Telefonaten durch, die Mitarbeiter des Krisenstabes im Deutschen Haus an der First Avenue entgegen nehmen, das schräg gegenüber des abgesperrten Hauptquartiers der Vereinten Nationen liegt. Jeder bekommt konkrete Hinweise, so gut es geht. "Wenn sie wirklich hierher fliegen wollen", sagte ein Mitarbeiter ins Telefon "dann bringen sie bitte möglichst viele Fotos mit, suchen sie nach einem Kamm mit Haaren, auch getragene Unterwäsche oder Socken ihres Mannes könnten nützlich für die Identifizierung sein."

Der Krisenstab selbst kann keine DNA-Analysen vornehmen. Das ist Sache der amerikanischen Spezialisten. Doch man bemüht sich, jedem Anrufer gerecht zu werden, jeden irgendwie nützlichen Hinweis zu geben, Adressen und Telefonnummern zu nennen, zu helfen wo immer es geht. Doch wer den Telefonaten zuhört, begreift auch, dass viele Deutsche in einer Welt der Unselbstständigkeit und der Illusionen leben. "Wieso ist nicht ein Schiff der Regierung unterwegs, dass unsere Leute aus dem Schlammassel rausholt?", will jemand wissen.

Die Versorgungsmentalität des Steuerzahlers im deutschen Sozialstaat kommt voll zum Tragen und die gestressten Krisenstabs-Leute bekommen es ab. "Wieso haben sie meine Tante noch nicht gefunden? Ich habe ihnen doch gesagt, dass sie vor zwei Wochen nach Amerika fliegen wollte und sich seitdem nicht gemeldet hat." Anrufe dieser Qualität sind nicht selten. Anders als Tausende Briten oder Italiener - das macht ein Vergleich zwischen den europäischen Krisenzentren in New York deutlich - erwarten Deutsche von ihrer diplomatischen Vertretung weit öfter das Unmögliche.

Während sich Amerikaner und auch viele Ausländer jeden Tag geduldig in die Warteschlangen vor der zentralen Vermisstenstelle an der Ecke Lexington Avenue und 26. Straße einreihen, um Fragebögen mit Angaben zu ihren Angehörigen auszufüllen, glauben viele Deutsche, ein Anruf beim Konsulat genüge und alles sei klar. Dienstleistungen verlangen in dieser extremen Katastrophensituation wie selbstverständlich auch die Medien, vor allem die Fernsehsender daheim.

Private wie Öffentlich-Rechtliche wollen ihren Zuschauern im harten Konkurrenzkampf der Talkshows deutsche Schicksale durch Gespräche mit Angehörigen nahe bringen. Sie verlangen, dass der Krisenstab in New York die Zeit aufbringt, ihnen persönlich Betroffene zu vermitteln. Bisher haben die meisten, die darauf angesprochen wurden, mit Empörung reagiert, obwohl oder vielleicht gerade weil Geldangebote ins Spiel gebracht wurden. Doch ganz sicher wird es die Schicksals-Shows geben.

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