Deutsche Telekom
Kommentar: Die Leidenszeit geht weiter

Was hat es nun der Deutschen Telekom gebracht, dass Ron Sommer gefeuert wurde? Wer erwartet hatte, dass der erste öffentliche Auftritt des Interimschefs Helmut Sihler diese Frage beantworten würde, wurde am Mittwoch bei der Vorstellung der Halbjahresbilanz enttäuscht.

Sechs Wochen nach dem Führungswechsel hat Sihler noch kein Konzept, wie er den Konzern neu ausrichten will und wo er die 7 Mrd. Euro hernehmen soll, die das Unternehmen zusätzlich zur Schuldentilgung braucht. Für die Telekom, ihre Mitarbeiter und Aktionäre bedeutet dies: Die Leidenszeit der Ungewissheit geht weiter, bis November, wenn wieder eine Quartalsbilanz ansteht.

Das Schlechte daran ist, dass die Zeit andauert, in der sich die Mitarbeiter mehr mit der Sicherheit ihres Arbeitsplatzes als mit dem Inhalt ihres Berufs auseinandersetzen. Und die Aktionäre werden sich weiter auf schwankende Kurse einstellen müssen, auf eine Zeit der Gerüchte und halbgaren Dementis. Vermutlich ginge es dem Unternehmen jedoch noch viel schlechter, wenn Sihler, der als Branchenfremder und für ihn selbst überraschend auf den Telekom-Chefsessel geraten ist, jetzt in aller Eile harte Entscheidungen treffen würde, die dann sein Nachfolger wieder korrigieren müsste: Das würde dann die ernste Lage, in der Sihler das Unternehmen sieht, endgültig zur Krise steigern, auf die manche Branchenbeobachter die Telekom derzeit schon zusteuern sehen.

Sehr viel Zeit bleibt Sihler nicht mehr für die Neuausrichtung. In diesem Sommer haben nach einem Jahr des untätigen Wartens und des Hoffens auf eine Erholung der Börsen alle europäischen Telekom-Konzerne angefangen, sich den schlechten Zeiten anzupassen. Die Konkurrenz der Telekom reagiert inzwischen drastisch - wie die niederländische KPN mit 9 Mrd. Euro Wertberichtigung bei den internationalen Töchtern. Die spanische Telefónica wickelt kurzer Hand ihre ehrgeizigen UMTS-Pläne ab, indem sie Quam schließt. France Télécom arbeitet weiter am Befreiungsschlag von Mobilcom.

Deutlich wird, dass die kontinental-europäischen Konzerne alle keine einfache Zerschlagungsstrategie fahren, wie vor ihnen - gehetzt von Analysten - British Telecom und AT&T. Anders als die Deutsche Telekom sind sie aber bereits dabei, die Fragen zu beantworten, die sich die Telekom zurzeit immer noch stellt: Wie viel Global Player kann man sich unter dem Vorzeichen einer Branchen- und Finanzmarktkrise künftig leisten? Was gehört unverzichtbar zum Kerngeschäft? Und: Welche Annahmen über die Entwicklung neuer Datendienste sind realistisch?

Selbst wenn Sihler modisches Agieren mit Blick auf eine kurzfristige Steigerung des Aktienkurses zuwider ist, wird er sich dem Trend, wie man in der Branche konsolidiert, nicht entziehen können. Im Klartext wird das heißen müssen: Rückzug aus dem US-Markt mit (Teil-) Verkauf von Voicestream, Anpassung des Wertes der hinzugekauften Töchter an heutige Marktgegebenheiten in der Bilanz, Trennung von einzelnen IT-Töchtern und Personalabbau im alten Monopolbereich Festnetz. Bis zum November muss es eigentlich nicht dauern, die Entscheidungen im Detail zu fällen.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%