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Deutsche Telekom-Papiere stürzen auf ein Drei-Jahres-Tief

Die Aktie der Deutschen Telekom stürzt weiter ab. Während Aktionärsschützer und Kleinanleger das Telekom-Management dafür kritisieren, sprechen Analysten von Panikreaktionen des Marktes. Die Deutsche Bank, die den Sturzflug der T-Aktie ausgelöst hat, wurde an der Börse ebenfalls abgestraft.

HB DÜSSELDORF. Die Papiere der Deutschen Telekom gehören auch heute wieder zu den schwächsten Werten im Dax. Die Aktie fiel nach ihren enormen Vortagesverlusten am Donnerstag erneut, sackte im Tagesverlauf über fünf Prozent ab auf 20,25 Euro und befindet sich auf dem tiefsten Stand der vergangenen drei Jahre.

Handelsblatt.com-Umfrageergebnis: Wenig Hoffnung für die T-Aktie (Anmerkung der Redaktion: Das Abstimmungs-Tool finden sie in der rechten Spalte auf der Homepage).

Haltefristen für VoiceStream-Aktionäre enden bald

Die Deutsche Telekom sieht sich nach Angaben von Börsianern wegen der demnächst endenden Haltefristen für frühere Voicestream-Aktionäre einem starken Rückfluss von Aktien auf den Markt ausgesetzt. Die Ende Mai abgeschlossene Akquisition der US-Mobilfunkfirma VoiceStream durch die Telekom wurde teilweise in bar und in Telekom-Aktien abgewickelt. Einige große ehemalige VoiceStream-Anteilseigner planen nun ihre Telekom-Anteile, die sie im Zuge der Akquisition erhalten haben, demnächst wieder abzustoßen, hieß es. Beispielsweise habe das Telekommunikationskonglomerat Hutchison Whampoa über 206 Mill. Telekom-Aktie erhalten.

Analysten sagten, diese seien zu 40 % ab dem ersten September 2001 frei zum Verkauf. Insgesamt könnten ab Anfang September 230 bis 240 Mill. T-Aktien verkauft werden, die bisher noch einer Haltefrist unterliegen.

Den höchsten Stand des Jahres erreichten die Telekom-Aktien Mitte Januar mit 39,85 ?. Seitdem haben die Papiere rund 45 % ihres Wertes eingebüßt.


6-Monats-Chart der T-Aktie

Schon im Mai fand Konzernchef Ron Sommer auf der Hauptversammlung der Deutschen Telekom in Köln den Kursverlauf der T-Aktie "absolut unbefriedigend". Doch das war nur ein kleines Vorspiel, verglichen mit dem, was in den vergangenen drei Tagen passiert ist. Auch gestern setzte der Kurs der einst begehrten Volksaktie seine Talfahrt fort. Der Preis der Telekom-Titel ging im Tagesverlauf bis auf 20,01 Euro zurück. Das war der tiefste Stand seit drei Jahren.

"Wenn das so weitergeht, rutschen die Telekom-Papiere im schlimmsten Fall auf Emissionsniveau", sagt ein Londoner Analyst. Der Emissionspreis der T-Aktien im November 1996 lag bei 28,50 DM (14,57 Euro). Auch andere Analysten schließen solche Tiefststände nicht mehr aus: "In der aktuellen Marktphase ist alles möglich", sagt Christoph Vogt von M.M. Warburg, "auch wenn solch niedrige Kurse fundamental betrachtet nicht gerechtfertigt sind."

Den Kurssturz erklären Experten mit reiner Psychologie. "Es gibt einige Anleger, die die Nerven verloren haben und in Panik Telekom-Papiere abstoßen", sagt Frank Rothauge von Sal. Oppenheim. Sie befürchteten, dass der Markt mit T-Aktien überschwemmt werde. "Dass es zu einem Rückfluss kommen wird, dürfte aber keine Überraschung sein", so Rothauge. Es sei seit langem bekannt, dass vor allem US-Anleger die Aktie nach Übernahme des Mobilfunkers Voicestream abstoßen würden. Daher gebe es keinen Grund zur Panik. Schließlich habe sich an der Strategie und den Zahlen der Telekom nichts geändert. Nach Verkaufsempfehlungen einiger Institute trennten sich gestern allerdings auch professionelle Anleger aus dem angelsächsischen Raum im großen Stil von ihren T-Aktien, berichtet ein Händler.

Für Telekom-Kleinaktionäre und Aktionärsschützer ist der Sinkflug der Aktie ein weiterer Grund, die Telekom-Manager zu kritisieren. "Sommer steht jetzt wieder in der Schusslinie", sagt ein Londoner Analyst, "dieses Mal aber unberechtigt." Den freien Fall der T-Aktie hatte die Deutsche Bank am Dienstag ausgelöst. Sie verkaufte überraschend 44 Millionen Telekom-Titel im Auftrag eines Großaktionärs. Seitdem beschäftigte die Finanzbranche die eine Frage: Wer war der Verkäufer?

In Finanzkreisen gilt der Mischkonzern Hutchison Whampoa als wahrscheinlichster Kandidat. Dagegen spricht aber nach Ansicht von Analysten, dass der Konzern über Barreserven verfügt und einen Verkauf der Telekom-Aktien nicht nötig hat. Falls Hutchison wirklich Geld brauche, könne der Konzern andere Beteiligungen verkaufen, deren Aktienkurs robuster sei, erklären Analysten in Hongkong.

Hutchison gehört nach der Übernahme des US-Mobilfunkers Voicestream im Mai dieses Jahres zu den Telekom-Großaktionären. Die Telekom hatte den Erwerb mit 1,17 Mrd. neuen T-Aktien bezahlt. Davon ging eine Hälfte an Kleinanleger. Für die übrigen Papiere wurden mit den Großaktionären gestaffelte Haltefristen vereinbart. Eine läuft Anfang September ab: Dann können die Investoren 40 Prozent ihrer T-Aktien und den Rest ab Dezember verkaufen. Bevor der Voicestream-Deal abgeschlossen wurde, hatten die Großaktionäre die Möglichkeit, 17,5 Prozent ihrer Telekom-Anteile abzugeben. Sonera hat dies genutzt, möglicherweise auch Hutchison. Der Käufer dieses Pakets könnte die Aktien jetzt über die Deutsche Bank auf den Markt gebracht haben.

Einen negativen Beigeschmack hinterlässt die Tatsache, dass die Deutsche Bank noch am Montag ihre Kaufempfehlung für die T-Aktie bestätigt hatte - einen Tag vor Platzierung des 44-Millionen-Aktienpakets. Marktkreisen zufolge sind viele institutionelle Investoren "stocksauer" und denken über Konsequenzen nach. Ob Fondsmanager künftig tatsächlich der Deutschen Bank weniger Aufträge geben, bleibt allerdings abzuwarten. "Wenn jemand mit der Leistung beziehungsweise den Konditionen einer Bank zufrieden ist, wird er auch künftig mit ihr zusammenarbeiten", sagt ein Sprecher der genossenschaftlichen Union Investment. Es gebe keinen Interessenkonflikt, solange man sich nicht auf das Urteil fremder Analysten verlasse, meint auch Victor Moftachar, Fondsmanager der Sparkassengesellschaft Deka. Der Aktienhandel nahm dagegen schon Sanktionen gegen die Deutsche Bank vorweg und strafte die Papiere des größten deutschen Finanzinstituts ab - der Wert fiel im Tagesverlauf um mehr als drei Prozent.

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