Deutsche und Commerzbank prognostizieren baldige Erholung - Morgan Stanley und HSBC erwarten Rezession in Amerika
Der Ausblick für die US-Konjunktur ist umstritten

Bis vor kurzem bauten die meisten Volkswirte auf ein Gelingen der erhofften "sanften Landung" in den USA. Doch die Prognosen verdüstern sich täglich. Inzwischen befürchten manche Fachleute einen scharfen Einbruch. Experten warnen vor einer drohenden Abwärtsspirale durch enttäuschte Anleger.

FRANKFURT/M. An gut gemeinten Vorschlägen zur Belebung der US-Konjunktur herrscht derzeit kein Mangel: Täglich erklärt eine Heerschar von Politikern, Zentralbankern und Volkswirten, wie die erhoffte "sanfte Landung" zu bewerkstelligen sei.

Bislang klangen manche Kommentare zwar besorgt, doch der Grundton blieb meist optimistisch. Das hat sich geändert. So korrigierten die Deutsche Bank und das US-Haus Morgan Stanley Dean Witter (MSDW) zum Wochenbeginn ihre Prognosen zum Wochenauftakt massiv nach unten.

Bis vor kurzem tauchte das Reizwort "Rezession" höchstens als unwahrscheinliche Risikovariante auf in den Prognosen der Bankvolkswirte auf. Doch nun spielt das Krisen-Szenario die Hauptrolle für Stephen Roach, den Chefvolkswirt von Morgan Stanley. Auch das US-Investmenthaus Goldman Sachs und die französische Bank BNP-Paribas warnen inzwischen vor einer möglichen Rezession in Amerika.

Horror-Szenario bestätigt sich offenbar

Bestätigt fühlen darf sich Stephen King, Chefvolkswirt der britisch-asiatischen Bankengruppe HSBC. Er malte bereits vor Monatsfrist ein Horror-Szenario an die Wand: "Wir gehen davon aus, dass die US-Wirtschaft im zweiten Halbjahr in einer ausgewachsenen Rezession stecken wird", schrieb King in einer HSBC-Studie.

Die deutschen Institute äußern sich im Schnitt optimistischer als ihre angelsächsischen Wettbewerber. So erwartet die Investmentabteilung der Deutschen Bank zwar eine schwache erste Jahreshälfte in den USA. Doch danach sollte sich die Konjunktur wieder erholen.

Die Commerzbank überarbeitet derzeit ihre bisherige Prognose - und die Dresdner Bank bleibt ausgewogen: Das Analystenteam für globale Marktstrategie bleibt zwar bei seiner Prognose von einem moderaten Wachstumsrückgang. Die Experten nennen jedoch sechs Risikofaktoren, die einen schärferen Einbruch auslösen könnten.

Unsicherheit macht sich breit

Die zum Teil widersprüchlichen Prognosen spiegeln die aktuelle Unsicherheit wider. Nach der überraschenden US-Zinssenkung werden die nächsten Wochen entscheidend sein, sagt Volkswirtin Barbara Lambrecht von der Commerzbank. "In vier bis acht Wochen werden wir Klarheit haben", meint sie.

Entscheidend wird nach Einschätzung vieler Volkswirte sein, ob US-Notenbankchef Alan Greenspan die Märkte stabilisieren kann. Denn ein Gutteil des jahrelangen US-Booms basierte auf dem Optimismus von Verbrauchern, Unternehmen und Investoren.

Zuversichtliche Anleger versorgten die Unternehmen über die Börse mit Geld. Die Firmen investierten in neue Produkte und Serviceleistungen. Konsumfreudige Verbraucher langten kräftig zu und füllten so die Kassen der Unternehmen. Steigende Firmengewinne wiederum trieben die Aktienkurse weiter in die Höhe. Dadurch fühlten sich die Anleger reicher. Die Folge: Sie gaben noch mehr Geld aus - was den Boom zusätzlich anheizte.

Anleger werden ärmer - nicht nur auf dem Papier

Von diesem so genannten Vermögenseffekt ist derzeit viel die Rede. Die Rückkoppelung hat allerdings eine bedrohliche Kehrseite: Sinken die Aktienkurse, dann werden die Anleger auf dem Papier ärmer. Sie könnten daraufhin mehr sparen und ihren Konsum einschränken. Die US-Unternehmen würden dann weniger Waren absetzen. Fallende Gewinne würden die Aktienkurse belasten - und den Pessimismus verstärken. Ein Teufelskreis entstünde.

Eine solche Entwicklung könnte die amerikanische und sogar die globale Wirtschaft hart treffen, fürchtet Morgan Stanley. Denn der private Aktienbesitz ist in den USA viel weiter verbreitet als in Europa. Viele Konsumenten sind zugleich auch Anleger.

Die US-Konsumquote - das Verhältnis zwischen Ausgaben und Einkommen - liegt seit fast einem Jahr bei über hundert Prozent. Dass bedeutet: Die US-Bürger geben mehr Geld aus, als sie verdienen. Volkswirte fürchten, dass dies sich plötzlich ändern könnte. Schon heute klagen viele US-Firmen über Absatzprobleme, so die Auto- und Stahlkonzerne. Und auch in der US-Internetbranche ist einer Studie zufolge die Arbeitslosigkeit Jahr rapide gestiegen. Die unverändert hohen Kosten für Heizöl und Gas belasten Unternehmen und Verbraucher zusätzlich - auch wenn die Rohölnotierungen zuletzt fielen. Der künftige US-Präsident George W. Bush warnt bereits vor einer drohenden Abwärtsspirale ("tail spin"), die er mit Steuersenkungen bekämpfen will.

Anlegerreaktionen sind ebenfalls unklar

Wie Verbraucher, Unternehmen und Investoren in den USA tatsächlich reagieren, weiß niemand. "Viel hängt davon ab, ob die Anleger ihre Kursgewinne als dauerhaft angesehen haben", sagt Peter Funk, Wirtschaftsprofessor der Universität Köln. Planten die Anleger ein Platzen der High-Tech-Blase ein, dann gebe es wenig Grund für eine plötzliche Konsumzurückhaltung. Wenn dagegen viele US-Haushalte Spekulationsgewinne fest eingeplant hätten, drohe jetzt eine heftige Reaktion.



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