Deutsche Unternehmen haben Nachholbedarf bei Prozessinnovationen
Die dritte Revolution der Wertschöpfung

2004 ist zum Jahr der Innovationen erklärt worden. Doch wieder einmal zeigt sich: Deutschland ist vor allem bei Produkten wirklich innovativ. Wenn es um innovative Prozesse und Strukturen geht, hinken wir im weltweiten Vergleich deutlich hinterher.

Deutsche Unternehmen haben eine hervorragende Leistungsbilanz vorzuweisen. Und zwar überall dort, wo Innovationen aus Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten resultieren, wo deutsche Wissenschaftler neue Technologien erfinden und neue Patente anmelden und wo deutsche Ingenieure im Detail optimieren. Bei den für den Weltmarkt relevanten Patentanmeldungen nimmt Deutschland seit Jahren eine Spitzenposition ein. Als führende Export-Nation gehört unser Technologie-Know-how zu den "Bestsellern" im Ausland.

Schwerer tun wir uns jedoch mit den so genannten "Prozessinnovationen", die sich nicht in neuen Produkten oder Technologien, sondern in neuen Strukturen und Verhaltensweisen zeigen. Dabei entscheiden diese immer häufiger über wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg von Unternehmen. Unser Nachholbedarf resultiert aus der typisch deutschen Eigenschaft, allzu lange an eingefahrenen Strukturen festzuhalten. Wir sind traditionsbewusst und neigen dazu, uns gegenüber Veränderungen - bewusst oder unbewusst - zu verschließen.

Fertigungstiefe - die zweite Revolution

Seit der Einführung des Fließbandes nach dem Fordschen Modell - die erste Revolution der Wertschöpfung -, stand die Erhöhung der Produktivität im Vordergrund, die durch Arbeitsteilung in der Massenfertigung erreicht wurde. Gegen Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts rückte die Fertigungstiefe in den Blickpunkt - die zweite Revolution der Wertschöpfung. Durch Auslagerung einzelner Produktionsschritte sollten weitere Kosten- und Qualitätsvorteile erzielt werden.

Das Beispiel der deutschen Automobilindustrie verdeutlicht, dass durch Outsourcing ganzer Produktionsteile eine starke Zulieferindustrie entstanden ist. Diese hat sich durch wachsende Spezialisierung und Innovationsfähigkeit dauerhaft etabliert. Das Gesamtvolumen dieses Industriezweigs liegt heute bei rund 57 Milliarden Euro, wobei der Anteil der Eigenproduktion am fertigen Auto durchschnittlich nur noch bei 25 Prozent liegt. Beim neuesten Porsche-Modell, dem Cayenne, liegt dieser Anteil sogar nur noch bei neun Prozent.

Leistungstiefe - Sprung in die dritte Revolution

Die zu erzielenden Kostenvorteile durch Reduzierung der Fertigungstiefe sind jedoch weitgehend ausgeschöpft. Um den nötigen Freiraum für weitere Zukunftsinvestitionen zu bekommen, müssen und können Unternehmen neue Wege gehen. In den nächsten Jahren wird daher die Verringerung der Leistungstiefe - das Gegenstück zur Fertigungstiefe bei den internen Dienstleistungen wie Buchhaltung, Personal, Logistik/Einkauf und IT - verstärkt in den Mittelpunkt rücken. Rein rechnerisch liegt das Einsparvolumen bei privaten und öffentlichen Unternehmen bei 11,6 Cent pro ausgegebenem Euro - das sind insgesamt etwa 40 Milliarden Euro.

Das Potenzial ist gewaltig: Angesichts dieser Zahlen bin ich fest davon überzeugt, dass wir vor einem weiteren Sprung in der Wertschöpfung stehen - der dritten Revolution der Wertschöpfung -, und zwar dann und nur dann, wenn wir diese Revolution jetzt aktiv realisieren. Realisieren wir diese Innovation nicht, dann werden weitere Unternehmen aus Deutschland abwandern, weil sie ihre Profitabilität nur noch durch Reduktion der Personalkosten verbessern können. Wir haben jetzt ein "window of opportunity", eine Chance, die wir nicht verpassen sollten. Sonst findet die dritte Revolution in den Ländern statt, in die die Unternehmen abgewandert sind.

Partnerschaften im Dienstleistungsbereich - Beispiel Großbritannien

Die Briten machen derzeit vor, wie es geht: Um verkrustete Verwaltungsstrukturen zu modernisieren, wurden Anfang der 90er Jahre die kompletten operativen Prozesse der Finanzabteilung an Accenture ausgelagert. Damals war das ein völliges Novum. Die reine Auslagerung der Abteilung entwickelte sich sogar noch weiter: Bereits fünf Jahre später erwuchs daraus ein innovatives Servicezentrum, an dem weitere Mineralölkonzerne beteiligt waren. BP gelang es dadurch, die Kosten für das Rechnungswesen in den zehn Jahren seit Gründung des Servicezentrums insgesamt zu halbieren.

Im vergangenen Jahr wurden in Europa solche Innovationspartnerschaften mit einem Volumen von 3,6 Milliarden Euro gebildet - 3,4 Milliarden davon entfielen allein auf Großbritannien. Das zeigt, dass sich deutsche Unternehmen in den nächsten Jahren gewaltig anstrengen müssen, um nicht den Anschluss zu verpassen. Denn nur durch Partnerschaften im Dienstleistungsbereich erhalten Unternehmen mehr Handlungsfreiheit und Freiraum für dringend benötigte Investitionen, die zur Schaffung neuer Arbeitsplätze in Deutschland dienen. Das Auslagern von Arbeitsplätzen ist eine Chance - ein Jobmotor und kein Jobvernichter, denn der wesentliche Teil der ausgelagerten Prozesse wird in Deutschland bleiben.

Neuorientierung nötig

Echte Prozessinnovation ist vor allem mit starken Partnern möglich, solchen, die das unternehmerische Risiko mittragen können. Das herkömmliche Kunde-Dienstleister-Verhältnis ist damit obsolet. Wir erwarten, dass sich ein Oligopol aus wenigen vollständig integrierten Serviceanbietern bilden wird, die Management-, Technologie- und Outsourcing-Dienstleistungen aus einer Hand anbieten können. Gerade in Deutschland ist eine grundlegende Neuorientierung nötig, um verborgene Wertschöpfungsreserven zu nutzen. Ich würde mich freuen, wenn die deutsche Wirtschaft das Jahr der Innovationen als Anlass zum Umdenken nehmen würde, um ihre globale Wettbewerbsfähigkeit durch Prozessinnovation nachhaltig zu stärken.

Dr. Stephan Scholtissek ist Sprecher der Geschäftsführung von Accenture Deutschland und Mitherausgeber des Buches "Die Dritte Revolution der Wertschöpfung" (mehr dazu hier).

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