Deutsche Volkswirte wiegeln ab
Agenturen geben Deutschland weiter Bestnoten

Neben der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) schließt auch die Agentur Fitch auf längere Sicht eine schlechtere Bonitätseinstufung Deutschlands nicht aus, was der Regierung die Geldaufnahme an den Finanzmärkten verteuern würde. Aktuell sehen die führenden Ratingagenturen aber keinen Anlass zum Handeln.

Reuters BERLIN/LONDON. Bundesregierung und Volkswirte reagierten am Freitag gelassen auf die Diskussion, und auch am Rentenmarkt wurde ihr noch keine große Bedeutung beigemessen.

Bereits am Mittwoch hatte S&P-Analyst Moritz Krämer gesagt, die unklare Linie der Regierungspolitik könnte auf längere Sicht ebenso zu einer Herunterstufung von der derzeitigen Bestnote "AAA" führen wie eine Aufgabe der Haushaltskonsolidierung. Wie S&P und Fitch kündigte auch die Agentur Moody's an, Anfang 2003 ihre Experten nach Deutschland schicken, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Allerdings sei dies ein Routinevorgang, und es gebe angesichts des weiter gültigen stabilen Ausblicks für das Deutschland-Rating keinen Grund, von der Bestnote abzurücken, sagte Moody's-Leadanalyst Alexander Kocklerbeck. Deutsche Regierungsanleihen gelten an den Finanzmärkten unter anderem wegen der hohen Bonität Deutschlands als richtungweisend für Anleger und andere Emittenten. Eine Herunterstufung würde bedeuten, dass der Bund höhere Zinsen für neue Schulden zahlen müsste, was den Haushalt zusätzlich belasten würde.

Eichel und Clement reagieren gelassen

Zu einem Pressebericht, die drei führenden Ratingagenturen erwögen eine Herabstufung Deutschlands, sagte Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) in Berlin, er kenne keine Ankündigung der Agenturen, Deutschland schlechter einzustufen. "Ich halte das alles für sehr aufgebauscht." Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sagte, er sei sehr zuversichtlich, dass die Analysten die Lage bald anders einschätzten. Allerdings glaube er nicht, "dass Analysten die Richtigen sind, die Lage in der Bundesrepublik Deutschland einzuschätzen".

Ratingagenturen: Sorgen wegen deutscher Strukturprobleme

S&P hatte seine "AAA"-Einstufung Deutschlands erst am Dienstag bestätigt und signalisiert, dass sie derzeit nicht mit einer Verschlechterung der Kreditwürdigkeit rechnet. S&P-Analyst Krämer hatte allerdings danach erklärt, sollten die "sprunghafte Politik und die Wurschtelei" des vergangenen Vierteljahres in Deutschland zum Normalfall werden und die Bundesregierung Strukturreformen in der Gesundheits- und Rentenpolitik nach den Landtagswahlen im Februar nicht vorantreiben, würde die Bonität Deutschlands im Vergleich zu anderen Ländern abnehmen.

Nick Eisinger von Fitch sagte Reuters: "Es ist in absehbarer Zukunft keine Krise zu erkennen, die einen Schritt rechtfertigen würde." Seine Agentur werde den Rating-Ausblick für Deutschland im ersten Quartal 2003 gründlich prüfen. "Wir versuchen in solchen Fragen eine langfristige Perspektive einzunehmen. Sollte sich die Lage in Deutschland allerdings weiter verschlechtern, dann kann das "Triple-A'-Rating nicht garantiert werden." Kocklerbeck sagte, Moody's habe in den vergangenen Berichten wiederholt auf strukturelle Schwierigkeiten in Deutschland hingewiesen, wie etwa zu hohe Ausgaben, die zu hohen Lohnnebenkosten führten. "Die Diskussion über solche Fragen ist eine Sache, das Rating für Deutschland in Frage zu stellen, eine andere", sagte er.

Volkswirte sehen keine Gefahr für "AAA"-Rating

Volkswirte werteten die Spekulationen über eine Herabstufung mehr als generellen Fingerzeig an die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung und weniger als Signal für einen bedrohlich hohen Schuldenstand. "Für mindestens fünf Jahre sehe ich das (die Herabstufung) nicht am Horizont", sagte Ulrich Beckmann von der Deutschen Bank. Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank, bezeichnete die Debatte als rein hypothetisch. "Die Herabstufung Deutschlands findet nicht statt", sagte Hellmeyer. "Wenn Deutschland heruntergestuft wird, müssten die USA gleich mit heruntergestuft werden."

In den Renditeabständen (Spreads) zwischen deutschen Bundesanleihen und den Emissionen anderer Euro-Länder wird Volkswirten zufolge aber eine generelle Verschlechterung der deutschen Finanzlage sichtbar. So habe sich der Spread der zehnjährigen Bundesanleihe etwa zum spanischen Papier mit zehn Jahren Laufzeit im vergangenen halben Jahr fast halbiert auf rund zwölf Basispunkte. Zuvor habe er rund 20 Basispunkte betragen.

Der Rentenmarkt reagierte nicht auf die Spekulationen, die eigentlich Umschichtungen in andere Staatsanleihen und starke Kursverluste der deutschen Festverzinslichen hätten auslösen müssen. "Der Markt nimmt das Ganze nicht ernst, es ist nicht vorstellbar, dass Deutschland herabgestuft wird", sagte ein Händler.

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