Deutsche Windmüller schauen in Richtung Meer
Die Claims sind abgesteckt

Tausende Windturbinen vor Deutschlands Nord- und Ostseeküste sollen in den kommenden Jahren einen großen Teil des Strombedarfs decken. Projektplaner und Investoren haben sich bereits die besten Standorte gesichert. Die ersten Rotoren werden sich schon bald in der Nordsee drehen.

DÜSSELDORF. Man braucht schon einen langen Atem, wenn man in das Offshore-Geschäft einsteigen will", meint Ingo de Buhr, Chef der Prokon Nord GmbH, die ihren Stammsitz im ostfriesischen Städtchen Leer hat. Knapp drei Jahre hat die Entwicklung des Offshore-Projekts Borkum-West gedauert. De Buhr und seine 16 Mitarbeiter starke Prokon-Mannschaft mussten meeresbiologische, vogelkundliche und schifffahrtstechnische Gutachten erstellen lassen.

Rund 2 Milli. Euro haben allein diese Planungsvorarbeiten gekostet. Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Anfang November vorigen Jahres gab das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg grünes Licht für de Buhrs Offshore-Pläne. "Damals fiel der offizielle Startschuss für die deutsche Offshore-Industrie", erinnert sich Projektmanager Alexander Klemt. In einer ersten Pilotphase sollen in der Nordsee etwa 45 Kilometer nordwestlich von Borkum ab 2003 zunächst zwölf Turbinen der Multi-Megawatt(MW)-Klasse mit jeweils bis zu fünf MW Nennleistung errichtet werden.

Mit diesem Bauvorhaben betritt die Windkraftbranche komplettes Neuland. Bei dem 60-Megawatt-Windpark handelt es sich um das weltweit erste Projekt, das außerhalb einer Zwölf-Seemeilen-Zone gebaut wird. Bisher gibt es Offshore-Propeller in Dänemark, Schweden, den Niederlanden und in Großbritannien.

196 Mühlen sollen auf hoher See arbeiten

"Die stehen aber alle sehr nahe an der Küste und in einer Wassertiefe von rund zehn Metern", sagt de Buhr. Ganz anders ist die Situation vor der Ferieninsel Borkum. Dort müssen die 90 Meter hohen Stahlriesen in 30 Meter tiefes Nordseewasser gerammt werden. Die kleine Offshore-Windfarm kostet rund 130 Mill. Euro. Ein Drittel der Baukosten entfällt auf die Kabelverlegung durch das Wattenmeer zum rund 100 Kilometer entfernten Umspannwerk Emden-Borssum. Von dort soll der Strom ins deutsche Verbundnetz eingespeist werden.

Bis 2006 wollen Klemt und sein Offshore-Team den Windpark testen und Erfahrungen beim Betrieb der Anlagen sammeln. In einer zweiten Ausbaustufe sollen dann weitere 196 Mühlen eine üppige Stromernte auf hoher See einfahren. "Der komplette Windpark mit 208 Anlagen wird rund 1,5 Mrd. Euro kosten", so Prokon-Teamchef Klemt.

Ob alles so wie geplant laufen wird, ist derzeit noch fraglich. Erste Probleme gibt es bereits mit der Verkabelung der Riesenturbinen. Mehr oder weniger abgesegnet ist die Anschlussverbindung des Pilotprojektes zum Festland. Sorgen macht den Prokon-Planern aber die Kabelverbindung für die 1 000-MW- Ausbaustufe. "Solange wir keine zusätzlichen Leerrohre für weitere Kabel verlegen dürfen, ist überhaupt nicht klar, ob wir die geplante Ausbauphase überhaupt realisieren können", meint Klemt. Probleme gibt es auch mit den Fischern aus der Weser-Ems-Region. Sie befürchten durch den Bau von Offshore-Windparks den Verlust von Fanggebieten in der Nordsee. "Durch die Windmühlen und die Kabeltrassen gehen der Fischerei mehr als 1 000 Quadratkilometer Fanggebiete verloren", sagt Wilhelm Jacobs, Vorsitzender des Landesfischereiverbands Weser-Ems.

Fragen der Sicherheit seien nicht geklärt

Die Fischer haben über den Deutschen Fischereiverband Widerspruch gegen die Genehmigung für die Windfarm Borkum-West eingelegt. Die Probleme der Sicherheit auf See seien nach Ansicht der Fischer nicht ausreichend geklärt. Das BSH in Hamburg hält solche Ängste für übertrieben. Der größte anzunehmende Unfall wäre eine Kollision mit einem Öltanker, so BSH-Justitiar und Regierungsdirektor Christian Dahlke. "Dies ist in dem Gebiet rein statistisch betrachtet nur alle 112 000 Jahre zu erwarten", meint der BSH-Experte. Eine Kollision mit einem Frachter würde vor Borkum einmal in 28 000 Jahren vorkommen. "Dieses Risiko erscheint uns als verantwortbar", sagt Dahlke.

Dem BSH liegen aktuell 25 Anträge in der Nordsee und fünf Anträge in der Ostsee, zum Bau von Offshore-Windparks in der so genannten Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) vor. Alle Projekte jenseits der Zwölf-Seemeilen-Hoheitsgrenze umfassen eine Gesamtleistung von mehr als 60 000 MW. Doch von solchen kühnen Zahlen kann die Windkraftbranche derzeit nur träumen. Die Offshore-Entwicklung in Deutschland steht noch ganz am Anfang. Experten rechnen damit, dass das Offshore-Geschäft erst ab 2006 so richtig ins Laufen kommt. Auf den aus heutiger Sicht verfügbaren Flächen in der AWZ können zumindest mittelfristig bis 2010 zwischen 2 000 und 3 000 MW Leistung zur Windenergienutzung auf See erreicht werden.

Einen ersten kleinen Erfolg gibt es seit Mitte Juli im küstennahen Bereich, also innerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone. Am 15. Juli hat die Bezirksregierung Weser-Ems für die Errichtung einer Riesenturbine nördlich von Wilhelmshaven einen positiven Bauvorbescheid erteilt. Die Firma Winkra-Energie aus Hannover und der Auricher Anlagenhersteller Enercon haben bereits mit den Vorbereitungen für die Errichtung der ersten Offshore-Windkraftanlage begonnen. Die Turbine hat eine Nabenhöhe von 100 Meter, einen Rotordurchmesser von 112 Metern und eine Leistung von 4,5 MW.

Erst nach drei Jahren ist mit Serientauglichkeit zu rechnen

"Bei optimalen Windverhältnissen kann eine solche Anlage mehr als 16 Mill. Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen", meint Winkra-Projektleiter Achim Ernst. Im Sommer 2003 soll sich der Propeller im fünf Meter tiefen Wasser vor Wilhelmshaven drehen. Neben der reinen Stromproduktion soll die Anlage dazu dienen, die Offshore-Tauglichkeit des Typs E-112 zu testen.

"Nur so können wir Erfahrungen für den Einsatz auf hoher See sammeln", so Ernst. Nach Auskunft der Winkra-Gruppe ist erst nach drei Jahren Testbetrieb für 2006 mit der Aufstellung serienreifer Offshore-Großwindanlagen 40 bis 50 Kilometer vor Küste in 20 bis 30 Metern Wassertiefe zu rechnen. Sollte die Winkra-Mannschaft in Kooperation mit der Firma Enercon ihren ehrgeizigen Fahrplan realisieren, dann setzt sie Deutschlands erstes Offshore-Windrad ins kühle Nass.

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