Deutsche Wirtschaft reagiert mit eigenen Bildungsanstrengungen auf die schlechten Pisa-Ergebnisse
Wirtschaft und Bildung: Heilsamer Schock

Das alte Gemäuer von Schloss Hansenberg im Rheingau wird auf Vordermann gebracht. Hier, wo zuvor eine Feuerwehrschule ihr Dasein fristete, entsteht ein Oberstufeninternat für 110 Eliteschüler, die die elfte Klasse überspringen und im Schnelldurchgang fürs Abitur büffeln - von der Dresdner Bank zusammen mit der hessischen Landesregierung initiiert, finanziert, fachlich und personell betreut.

cr DÜSSELDORF. Anfang dieses Monats hat BMWmit der Hauptschule Eching eine Partnerschaft vereinbart, Siemens sein für Schulen konzipiertes Förderprogramm "Jugend und Wissen" für die nächsten fünf Jahre mit 45 Millionen Euro ausgestattet. Wie eine Umfrage des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag der WirtschaftsWoche ergibt, unterstützen bereits 17 Prozent der Unternehmen Schulen und 20 Prozent Fachhochschulen und Universitäten. Gleichzeitig will fast die Hälfte aller Unternehmen auch die innerbetriebliche Weiterbildung ausbauen. Für mehr als zwei Drittel der Unternehmen spielt die interne Weiterbildung der Ifo-Umfrage zufolge eine große bis sehr große Rolle.

Mit ihrem Einsatz versuchen die Betriebe, die offenkundigen Mängel des deutschen Bildungssystems auszugleichen. Die Mehrzahl der Unternehmen zeigte sich denn auch keineswegs überrascht, als die Pisa-Ergebnisse Deutschlands Schulmisere endlich zum öffentlichen Thema machten. Eklatante Lern- und Leistungsschwächen stellen die Unternehmen schon seit Jahren bei Berufsanfängern fest. Die Kenntnisse von Hauptschulabgänger in Deutsch und Mathematik bewerten Betriebe nur mit ausreichend (3,8), Berufsanfänger mit Abitur kommen bei der Benotung auf einen wenig schmeichelhaften Schnitt von 2,8 in diesen Schlüsselfächern. Wie aus der Ifo-Umfrage weiter hervorgeht, fühlen sich 16 Prozent aller Betriebe durch die schulischen Defizite sehr und 58 Prozent etwas in ihrem unternehmerischen Wirken beeinträchtigt.

Dass die Botschaft "endlich überall angekommen ist und eine neue Aufgeschlossenheit bis hin zu Lehreren und Eltern zeitigt", empfindet Ernst Mutscheller von der Landesarbeitsgemeinschaft Schule - Wirtschaft Baden-Württemberg als den "positiven Teil an Pisa". Bis vor kurzem noch stieß Mutscheller auf breites Unverständnis, wenn er vor Pädagogen und Elternvertretern auf Rechen-, Schreib- und Verständnisschwächen des Nachwuchses hinwies. Das bildungspolitische Engagement der Wirtschaft galt nicht wenigen Lehrern ohnehin als suspekt.

Die Landesarbeitsgemeinschaft, die von Unternehmen finanziert wird und rund 80000 Lehrer erreicht, will die neue Aufgeschlossenheit nutzen, um auf ein ordentliches Qualitätsmangement in den öffentlichen Bildungseinrichtungen hinzuwirken. Damit sollen effektive Leistungskontrollen möglich und Defizite zielgerichtet behoben werden - getreu dem alten Pennälerspruch "Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung".

Doch das Engagement der Firmen soll die Politik nicht aus der Verantwortung entlassen. Es sei ein Skandal, moniert Arbeitgeberprädident Dieter Hundt, dass der Staat für Arbeitslose 75 Milliarden Euro jährlich ausgebe, für das Bildungssystem aber nur 45 Milliarden Euro.

Quelle: WirtschaftsWoche

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