Deutsche Wirtschaftselite beurteilt die Perspektiven für die Börsen skeptisch
Der Dax hat kaum noch Potenzial

Die Abwärtsspirale an den Börsen scheint nach dem Kursfeuerwerk in den vergangenen Tagen gebrochen zu sein. Für die Entwicklung bis Jahresende äußern sich Investmentbanken jedoch sehr vorsichtig. Auch die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft sind nicht sonderlich optimistisch. Sie sehen einen Dax, der auf der Stelle tritt.

DÜSSELDORF. 20 Prozent hat der Deutsche Aktienindex (Dax) in weniger als einer Woche gutgemacht. Wiederholt sich die Entwicklung vom vergangenen Jahr? Nach den Terror-Ereignissen im September 2001 hatte der Dax in einer fulminanten Jahresendrally 50 Prozent zugelegt, der Neue Markt sogar über 100 Prozent - um anschließend auf neue Tiefstände zu fallen.

Neue Tiefs erwartet nach dem aktuellen Feuerwerk kaum jemand - vor einem Jahr übrigens auch nicht. Doch einen großen Unterschied zu damals gibt es: Die Prognosen sind verhaltener. Weder Investmentbanken noch die vom Handelsblatt im Auftrag des Psephos-Instituts befragten Manager der deutschen Wirtschaft erwarten eine nachhaltige Trendwende. Vom Beginn einer Hausse spricht niemand.

Mehr als die Hälfte (55 %) der Führungskräfte in Deutschland sieht den Dax zum Jahresende unter 3 000 Punkten, davon sogar 10 % unter dem bisherigen Tiefstand von gut 2 500 Punkten. Lediglich eine sehr kleine Minderheit von 8 % erwartet ein Niveau von über 3 500 Zählern.

Auch auf lange Sicht sehen die Manager keine spürbare Erholung. Die meisten rechnen in zwei Jahren mit einem Dax zwischen 3 000 und 4 000 Punkten (38 %) oder 4 000 und 5 000 Punkten (35 %). In die Nähe der alten Höchststände, also über 7 000 Zähler sieht niemand das Börsenbarometer steigen. Dieser Pessimismus steht aber im Gegensatz zu der Einschätzung, wonach drei Viertel der Manager den Dax für unterbewertet halten. Nur 2 % meinen, er sei überbewertet.

Die meisten Investmentbanken teilen die Sichtweise der Wirtschaftselite. Auch Analysten halten die Börsen für unterbewertet, sehen gleichzeitig aber wenig Kurspotenzial. "Mehr als drei Billionen Dollar stecken in Geldmarktfonds und auf Sparkonten. Das ist ebenso ein Rekord wie die acht Milliarden Aktien, die in der Hoffnung auf fallende Kurse leer verkauft sind", sagt Michael Sauerborn von Merrill Lynch. Trotz dieser eigentlich optimalen Voraussetzungen für steigende Kurse - das niedrig verzinste Geld will angelegt und die leer verkauften Aktien müssen mittelfristig zurückgekauft werden - meint Sauerborn: "Eine Trendwende sehe ich nicht. Diese müsste gesamtwirtschaftlich eingeleitet werden. Doch darauf deuten die Unternehmensergebnisse nicht hin." Mehr als 5 % Potenzial gibt er US-Aktien nicht. Für Europa ist er ohnehin pessimistischer: "Wenn die Konjunktur aufwärts geht, dann aber auf dem alten Kontinent weniger stark."

Unisono heben Investmentbanken die Risiken hervor, die sich auch nach der Rally nicht aufgelöst haben: Der mögliche Krieg am Golf, drohende Terrorattentate und die schwierige Weltkonjunktur belasten die Märkte mit hohen Risikoprämien. Nach Ansicht von Credit Suisse First Boston bleiben Schulden und Deflation das vorherrschende Thema. Daher sei an den Börsen weiter äußerste Vorsicht angesagt.

Nach Ansicht der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) bleiben die Aktienmärkte "stark rückschlaggefährdet", obwohl der Dax derzeit unter seinem Buchwert von 3 500 Punkten gehandelt werde und deshalb "krass unterbewertet" sei. So kostet die Commerzbank derzeit weniger als ein Drittel ihres Buchwertes. Dieser setzt sich aus den Sach- und Finanzanlagen einschließlich der immateriellen Vermögensgegenstände eines Unternehmens abzüglich seiner Schulden zusammen.

Doch es gibt auch optimistischere Szenarien. Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin setzt den "fairen Dax-Wert" auf 4 500 Punkte. Das ist ein Potenzial von 50 %. Basis dafür sind die erwarteten Unternehmenserträge, die Traud und ihr Research-Team gerade um weitere 9 % gesenkt haben. Bei den 30 Unternehmen im Dax spreche neben einem fast einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnis auch die durchschnittliche Dividendenrendite von gut 3,5 % für steigende Kurse. Noch optimistischer ist Schroder Salomon Smith Barney. Die Strategen setzen auf europäische Aktien, weil die Weltwirtschaft vor einer Erholung stehe. Anleger sollten deshalb Technologie-, Industrie- und Finanzwerte übergewichten.

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