Deutscher Aufschwung ist nicht gewiss
Kommentar: Vier Risiken

Nach den überraschend guten Ifo-Daten gehen mit einigen Ökonomen schon wieder die Pferde durch: "Index hebt ab wie eine Rakete", "Ifo-Uhr steht endlich wieder auf Aufschwung", "Frühlingsgefühle in Deutschland", jubelten Bankvolkswirte am Dienstag. Ohne Zweifel machen die März-Zahlen des wichtigsten deutschen Konjunktur-Indikators Hoffnung. Die Bundesrepublik, ökonomisch der kranke Mann Europas, hat vorerst das Schlimmste hinter sich - die Wirtschaft schrumpft zumindest nicht weiter.

Aber die überraschend guten Daten rechtfertigen noch lange keinen überschäumenden Optimismus. Zwar hat sich der Index stark verbessert - absolut betrachtet befindet er sich aber immer noch auf niedrigem Niveau und notiert weiterhin unter seinem langfristigen Durchschnitt. Der Anstieg in den vergangenen Monaten bügelt zum Teil nur die übertrieben starken Verluste nach den Terroranschlägen vom 11. September aus. Skeptiker warnen zudem: Die rosigen Geschäftsaussichten der Firmen sind möglicherweise überzeichnet. Steigen die Erwartungen weiter so schnell wie derzeit, sind sie bald so hoch wie im Boom-Jahr 2000 und nähern sich dem Gipfel von 1994, rechnet UBS Warburg vor. Ob dieses Niveau angemessen ist, ist aus vier Gründen zweifelhaft.

Erstens ruhen alle Hoffnungen auf der anspringenden US-Konjunktur. Für einen nachhaltigen Aufschwung in Deutschland muss aber die Binnennachfrage anziehen. Die liegt derzeit am Boden und dürfte, da sind Optimisten wie Pessimisten einig, zumindest bis zur Jahresmitte dort auch bleiben. Selbst wenn Uncle Sam wieder schnell auf die Beine kommt, genügt das also nicht, um Deutschland aus der Misere zu ziehen - nur zehn Prozent aller Exporte gehen in die USA. Und US-Aufschwünge übertragen sich langsamer als Abschwünge, fand der Sachverständigenrat heraus.

Zweitens könnte die Wirtschaftslage in Deutschland in den kommenden Monaten schnell wieder kippen. Schon bislang war die Gefahr groß, dass die IG Metall den zarten Aufschwung niederstreikt und den Arbeitgebern zu hohe Tarifabschlüsse aufzwingt. Die positiven Konjunkturanzeichen dürften die Kampfeslust der Funktionäre weiter steigern. Zudem machen die vorsichtigen Frühlingssignale es noch schwieriger, die Beschäftigten an der Basis für maßvolle Tarifabschlüsse zu begeistern.

Drittens steigt mit den Signalen für eine leichte Erholung die Wahrscheinlichkeit, dass die Europäische Zentralbank schneller als gedacht die Leitzinsen erhöhen könnte - zumal die Kerninflation jüngst etwas höher als erwartet ausfiel und die Geldmenge aus dem Ruder läuft. Wenn, was viele Volkswirte erwarten, die Teuerung bald wieder sinkt, klettert selbst bei konstanten Leitzinsen der Realzins - die Investitionsbedingungen verschlechtern sich.

Viertens sinkt der Leidensdruck in der deutschen Wirtschaftspolitik. Schon heute peilt weder die Regierung noch die Opposition nach der Bundestagswahl schmerzliche, aber bitter nötige Sturkturrefomen an. Die überzogene Interpretation der Erholungssignale wird die überparteiliche Sozialfraktion in ihrem Beharrungsvermögen bestärken und bei den Wählern das Verständnis für Einschnitte in Besitzstände schmälern. Langfristig schadet dies den Wachstumsaussichten des Landes.

Den Berufsoptimisten sei empfohlen, sich neben den nackten Zahlen des Ifo-Instituts auch die Interpretation der Wirtschaftsforscher auf der Zunge zergehen zu lassen. Denn die ist erstaunlich vorsichtig: Noch sei es zu früh, von einem beginnenden Aufschwung zu reden. Sicher sei nur: Die Konjunktur habe sich stabilisiert. Natürlich ist es nicht unmöglich, dass sich die Euphorie verstärkt und sich der Optimismus in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung verwandelt. Aber verlassen sollte man sich darauf besser nicht.

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