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Deutscher Börse wird es im Heimatmarkt endgültig zu eng

vwd FRANKFURT. Dass es der Deutschen Börse in der Heimat zu eng wird, hat sie bereits 2004 mit dem Start der Eurex US angedeutet. Dem noch mit bescheidenen Investitionen ausgekommenen Ausflug über den Atlantik soll 2005 der Big Bang in London folgen. Rund 1,8 Mrd Euro will die Deutsche Börse für eine Übernahme der London Stock Exchange (LSE) bieten. Analysten betonen allerdings eher die Risiken der Transaktion, zumal das Konzept der Deutschen Börse nur in Grundzügen erkennbar ist. Der sich anbahnende Übernahmepoker dürfte 2005 wesentlicher Kurstreiber für die Deutsche Börse sein, denn aus dem operativen Geschäft ist wenig Spektakuläres zu erwarten.

Gelingt der Deutschen Börse die Übernahme der LSE, Rückt sie damit zum zweitgrößten Aktienmarkt der Welt auf. Mit einer Marktkapitalisierung der gelisteten Unternehmen von knapp 3,6 Billionen US-Dollar würde sie Tokio (3,2 Billionen US-Dollar) und die Nasdaq (3,1 Billionen US-Dollar) hinter sich lassen. Lediglich die New York Stock Exchange läge mit einer gelisteten Marktkapitalisierung von 11,8 Billionen US-Dollar noch vor dem Emporkömmling aus Frankfurt. Der größte Europäische Konkurrent Euronext wäre mit knapp 2,2 Billionen US-Dollar weit abgeschlagen.

Die Chance, dass der Deal gelingt, wird von Beobachtern unterdessen zwiespältig betrachtet. Einerseits seien Börsen immer noch nationale Symbole - und besonders einem traditionellen Finanzplatz wie London dürfte es schwer fallen, auf eine unabhängige Börse zu verzichten. Andererseits nimmt die Deutsche Börse mit ihrem bisher nur grob umrissenen Konzept, die beiden Märkte weitgehend eigenständig zu belassen und auch bestehende Geschäftsverbindungen der LSE zu respektieren, deutlich mehr Rücksicht auf britische Befindlichkeiten als bei dem geplatzten Fusionsversuch vor vier Jahren.

Genau dieses Konzept der eigenständigen Märkte stimmt die Analysten allerdings skeptisch. Denn bisher bleibt unklar, in welchem Bereich die Synergien realisiert werden sollen, die die kräftige Prämie im Angebot der Deutschen Börse auf den Aktienkurs der LSE rechtfertigen können. Daher betonen die Analysten vor allem das Risiko, dass die Deutsche Börse sich bei dem anstehenden Übernahmepoker zu einem irrational hohen Preis hinreißen lässt. Schließlich hatte der LSE-Verwaltungsrat die bisher gebotenen 5,30 GBP je LSE-Aktie bereits als zu wenig bewertet.

Erwartungen an Eurex US und OTC-Bond-Clearing gedämpft

Für das operative Geschäft der Deutschen Börse sind die Perspektiven 2005 unterdessen weit weniger spektakulär. Die Umsätze an der Terminbörse Eurex sind im dritten Quartal 2004 erstmals unter den Vorjahreswert gefallen und haben das Eurex-Image des gut geölten Wachstumsmotors ramponiert. Der Kassamarkt litt ebenfalls unter der allgemeine Börsenflaute. Die Perspektive mittelfristig seitwärts tendierender Aktienmärkte lässt dementsprechend auch für 2005 keine Volumenfeuerwerke erwarten. Entsprechend verhalten beurteilen die Analysten die Wachstumschancen der Deutschen Börse im Kerngeschäft.

Auch die hochgesteckten Erwartungen an die US-Expansion der Deutschen Börse wurden mittlerweile deutlich gestutzt. Nur mühsam und über Anreizprogramme hat die im Februar gestartete Terminbörse Euroex US ihren Anteil am US-Finanzderivatemarkt bisher auf magere 2 Prozent gesteigert. Spätestens wenn die transatlantische Abrechnungsverbindung Global Clearing Link voll etabliert ist - Beobachter erwarten für das erste Quartal 2005 die Genehmigung der US-Börsenaufsicht - wird die Euroex US einen Umsatzsprung präsentieren müssen, so Analysten. Andernfalls drohe sie zum Nischenmarkt abgestempelt zu werden.

Um das zweite Hoffnungsprojekt der Deutschen Börse, die Abrechnung von bilateral gehandelten Anleihen, ist es bedenklich still geworden. Der Vorstandsvorsitzende Werner Seifert hatte Ende März noch den Markteintritt im laufenden Jahr angekündigt. Aber bereits der Aufbau des Zentralen Kontrahenten für Fixed-Income-Produkte als notwendiger Infrastruktur verzögert sich bis ins Frühjahr 2005. Die Verhandlungen mit den Interdealer Brokern, deren Handelsgeschäft dann über die Plattform abgerechnet werden soll, sind offenbar noch ohne vorzeigbare Ergebnisse. Beobachter bezweifeln, dass die Deutsche Börse in diesem Bereich 2005 erkennbar vorankommt.

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