Deutscher Manager im Vorstand des niederländischen Konzerns Nutreco
Steinemann: Fast zu sehr ein „Poldermann“

Unverkennbar ist die frische Landluft im niederländischen Boxmeer. Hier fühlt sich Jürgen Steinemann wohl. "Das ist Parfum", sagt der Südoldenburger schmunzelnd zu dem herben Geruch. Mit Landwirtschaft hatte seine Familie schon immer zu tun.

BOXMEER. Der 44-Jährige ist dabei geblieben. Seit 18 Monaten sitzt er im Vorstand des Fleisch-, Fisch- und Futtermittelkonzerns Nutreco N.V. Er leitet die Agro-Sparte von einem der größten Schweine- und Geflügelfleischanbieter in Europa. Zudem ist Nutreco einer der weltweit führenden Futtermittelhersteller. 70 Prozent des Konzernumsatzes von 3,8 Milliarden Euro kommen aus diesem Bereich.

Steinemann gehört zu den wenigen Deutschen, die es in den Vorstand eines niederländischen Unternehmens geschafft haben. Im Agro-Geschäft komme man kaum am technologisch immer noch führenden Holland vorbei, erläutert er. Und wer wie er bei Unilever gearbeitet habe, ebenfalls nicht. Von dort sei der Schritt zu Nutreco eher klein.

Nur noch ein leichter Akzent verrät, dass Steinemann kein Einheimischer ist. Sagt er "Bereitheit" statt "Bereitschaft", hören seine Gesprächspartner heraus, wie gut er sich integriert hat. Wenn es ihn auch ärgert, dass seine Muttersprache nach gut sechs Jahren in den Niederlanden nachlässt, bemüht er sich doch, als Holländer durchzugehen - noch bestehen in den Niederlanden Ressentiments gegenüber den Deutschen.

Dennoch lobt er sein Gastland. "Hier herrscht ein enorm innovatives Klima. Die Geschäftsleute sind engagiert, sehr aufgeschlossen und testen Neues", schwärmt er. Dagegen seien die Deutschen zögerlich und konservativ. Er würde deutschen Unternehmen empfehlen, ihre Mitarbeiter einmal hierher zu entsenden.

Bei der Belegschaft hat der 1,95-Meter-Hüne einen Stein im Brett. "Er ist sehr geduldig", sagt ein Mitarbeiter. Über dieses Urteil ist Steinemann selbst erstaunt, weil er oft zu viel gleichzeitig wolle. Der Manager könne gut zuhören, sei offen und fast "undeutsch", informell und humorvoll, heißt es. Überdies gilt der öffentlichkeitsscheue Mann als Teamplayer.

Das ist wichtig bei dem dezentralen Konzern mit 14 000 Beschäftigten in 20 Ländern. So ist Steinemann viel unterwegs: im Benelux-Raum, zu den Geflügelfarmen in Spanien oder zu den Spezialviehfutterherstellern in China und Mexiko. Einmal wöchentlich ist er bei den niederländischen Tochterfirmen in Boxmeer statt am Konzernsitz in Amersfoort.

Vor Ort erläutert er dann seine Visionen. Von allen Mitarbeitern erwartet er Zielorientierung, berücksichtigt aber deren unterschiedliche Mentalitäten: das Hierarchiedenken von Amerikanern und Latinos, das tägliche Kommunikationsbedürfnis der Spanier, die Unabhängigkeit der Holländer. Er profitiert von seiner Auslandserfahrung in Frankreich, Großbritannien, den USA und Südamerika.

Aber Steinemann, der lange beim Markenkonzern Unilever arbeitete, ist auch als Marketingspezialist gefragt. Denn langfristig will Nutreco nicht nur Fleischanbieter für industrielle Verarbeiter und den Großhandel sein, sondern selbst fertige Produkte und Marken für Supermärkte produzieren. Das soll dem Konzern höhere Gewinnmargen bescheren und ihn unabhängiger machen von Konjunkturen.

Was Konsensmensch Steinemann jetzt nach Einschätzung von Markenspezialisten braucht, sind Tatkraft und mutige Entscheidungen. Es müsse sich zeigen, ob er nicht nur reden, sondern auch handeln könne.

Zwar mokiere er sich selbst über das niederländische Konsensstreben, das jeden Betroffenen in langwierige Entscheidungsprozesse einbinde. Er selbst aber sei schon fast ein "Poldermann", heißt es hinter vorgehaltener Hand. Beschlüsse fielen zu langsam. Dafür habe der Konzern aber keine Zeit. Im ersten Halbjahr drohen wegen der Geflügelpest und der niedrigen Lachspreise rote Zahlen.

"Ich hoffe, dass er im Vorstand die Zähne zeigt", sagt ein Branchenkenner.

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