Deutsches BIP im 3. Quartal geschrumpft
Deutsche Wirtschaft am Rande der Rezession

Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal etwas geschrumpft und befindet sich damit am Rande einer Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) habe sich vom zweiten auf das dritte Quartal bereinigt um 0,1 % verringert, nachdem es im Vorquartal gerade noch unverändert geblieben war, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit.

Reuters FRANKFURT. Konjunkturexperte Gustav Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht die deutsche Wirtschaft nach eigenen Worten auf dem Weg in eine Rezession. Dagegen wollte Wirtschaftsminister Werner Müller nicht von einer Rezession sprechen. Das Bundesfinanzministerium (BMF) teilte mit, die Risiken für die Konjunktur seien größer geworden. Bundeskanzler Gerhard Schröder bekräftigte den Sparkurs der Regierung. "Dieses Konzept darf nicht aufgegeben werden", sagte er in Nürnberg.

"Was uns sehr nachdenklich stimmt, ist die Aussicht auf das vierte Quartal", sagte Horn der Nachrichtenagentur Reuters. Ein deutlicher Rückgang des BIP sei zu erwarten: "Das würde uns dann in die Rezession reinbringen." Die strengere Definition der sechs führenden deutschen Forschungsinstitute dafür werde dann erfüllt. Horn ist damit der erste führende deutsche Wirtschaftsforscher, der offen von einer tatsächlichen Rezessionsentwicklung spricht. Nach seinen Worten hat das DIW noch keine genauen Berechnungen für das Schlussquartal 2001 angestellt, das BIP werde aber deutlicher sinken als im dritten Quartal. "Das wird dann nicht mehr minus 0,1 oder 0,2 sein. So wie die Indikatoren im Moment sind, wird das sicherlich in Richtung minus 0,4 oder 0,5 % gehen."

Nach herkömmlicher Definition herrscht Rezession, wenn das BIP in zwei aufeinander folgenden Quartalen sinkt. Den führenden Forschungsinstituten reicht diese Definition aber nicht aus. Nach ihrer Einschätzung muss auch die Auslastung der Produktionskapazitäten berücksichtigt werden. Erst wenn bei rückläufiger Produktion die Auslastung unter das langjährige Durchschnittsniveau falle, sei eine Rezession erreicht.

Horn sagte, um eine noch schlechtere Entwicklung zu verhindern, müsse die Bundesregierung den Empfehlungen der Institute folgen. Diese beinhalteten, dass Bundesfinanzminister Hans Eichel die automatischen Stabilisatoren wirken lassen solle. Konjunkturell bedingte Mehrausgaben und Mindereinnahmen sollten nicht durch Steuererhöhungen oder zusätzliche Einsparungen ausgeglichen werden. Zudem solle die zweite Stufe der Steuerreform von 2003 auf 2002 vorgezogen werden. Das lehnt die Bundesregierung bislang ab. Das Ifo-Institut und das DIW forderten wegen der starken Konjunkturflaute dagegen Investitionszulagen für Unternehmen. Die EZB bekräftigte derweil, die Regierungen der Euro-Zone müssten am Stabilitätspakt festhalten.

Bundeskanzler Schröder (SPD) appellierte auf dem Parteitag der SPD an die Unternehmen, Entlassungen möglichst zu vermeiden. Die Firmen dürften die derzeitige kritische wirtschaftliche Situation nicht durch Massenentlassungen verschlechtern, sondern sie sollten mit intelligenten Arbeitszeitmodellen ihre Belegschaft sichern. "Ihr habt auch eine eigene Verantwortung", sagte der Kanzler.

Nach Einschätzung des Bundesfinanzministeriums sind die Konjunkturrisiken im dritten Quartal größer geworden. "Die wirtschaftliche Schwäche dürfte jedoch bald überwunden werden. 2002 werden die wirtschaftlichen Auftriebskräfte wieder die Oberhand gewinnen." Wirtschaftsminister Müller (parteilos) wertete die gegenwärtige wirtschaftliche Schwäche nicht als Rezession. Das Wachstumsniveau sei aber insgesamt zu niedrig. Die prognostizierten 1,25 % Wachstum für kommendes Jahr seien enttäuschend, aber realistisch.

Analysten werteten den leichten BIP-Rückgang im dritten Quartal als eine technische Rezession, denn im zweiten Quartal sei die leicht negative Rate auf 0,0 % aufgerundet worden. "Wir haben ein Rezessiönchen, ein Mittelding zwischen Stagnation und Rezession, aber keinen typischen Einbruch", sagte Ulrich Kater von der DGZ DekaBank. Zum Vorjahr wuchs das BIP im dritten Quartal um 0,3 nach 0,6 % im Vorquartal. Das war die geringste Rate seit viereinhalb Jahren. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung rechnet für das Gesamtjahr mit nur 0,6 % Wachstum und mit 0,7 % im Jahr 2002. Bei der Rezession des Jahres 1993 war das deutsche BIP im Gesamtjahr viel stärker, nämlich um mehr als ein Prozent geschrumpft.

Volkswirte halten eine weitere Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) für nötig, rechnen aber trotz rückläufiger Inflation 2001 nicht mehr damit. Die EZB hatte erst am 8. November den Schlüsselzins um 50 Basispunkte auf 3,25 % gesenkt. Die deutsche Inflationsrate ist nach der Prognose von Volkswirten im November unter die EZB-Toleranzgrenze für Preisstabilität von zwei Prozent gesunken, was Spielraum für weitere Zinssenkungen gäbe. Von Reuters befragte Experten rechnen im Schnitt mit einer Jahresteuerung von 1,9 (Oktober 2,0) Prozent. Hessen meldete für November eine Jahresteuerung von 1,4 % und damit den tiefsten Stand seit zwei Jahren. In Sachsen sank die Teuerung auf 1,7 % von 2,4 %.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%