Deutsches Gold im Judo
Verbeugung und Erlösung

Bis Dienstag schien in Peking nichts für den deutschen Kampfsport zu laufen. Dann erlöste Judoka Ole Bischof das deutsche Team mit seiner Goldmedaille in der Klasse bis 81 kg – und das als krasser Außenseiter. Für ihn persönlich mag das alles aber gar nicht so überraschend gewesen sein.

PEKING. Erst die Verbeugung, dann der Jubel. Das Ritual hat Vorrang im Judo, diesem japanischen Kulturgut, das 1964 bei den Spielen in Tokio erstmals olympisch war und den Einheimischen die größte Demütigung ihrer Sportgeschichte zufügte – in der Königsklasse gewann damals ein Holländer. Noch heute bereitet es den Japanern sichtbar schlechte Laune, wenn keiner der Ihren siegt, und deshalb waren ihre meisten Fans in der Pekinger Universität für Technik und Wissenschaft am Dienstag schon gegangen, als die letzte Verbeugung stattfand.

Denn die oblag einem Deutschen. Zweimal erwies Ole Bischof also noch der Tradition die Ehre, zunächst auf der gelben Kampfmatte, dann auf ihrem grünen Rand. Erst dann folgte die Freude, die geballte Faust, die stürmische Umarmung mit dem Trainer, die Siegerzeremonie und der typische Satz: „Ich kann das alles noch gar nicht realisieren.“

Ole Bischof hat eine kleine Sensation vollbracht in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm. Mit 28 Jahren kämpfte der Volkswirtschaftsstudent zum ersten Mal bei Olympia, er war nicht unbedingt als chancenlos gehandelt worden, aber ganz gewiss nicht als Favorit. Ein solcher war zum Beispiel der brasilianische Weltmeister Tiago Camilo – bis er im Viertelfinale auf Bischof traf. Oder der Ukrainer Roman Gontiuk – ihn erledigte der Deutsche im Halbfinale. Bei einem Zusammenstoß der Köpfe hatte sich Bischof schon eine blutige Nase geholt, noch anderthalb Minuten vor Schluss lag er zurück, entschied die Begegnung dann aber in großem Stil: durch einen mit Fußtechnik erkämpften Yuko, der mit zehn Punkten belohnt wird. Auch den Koreaner Jaebum Kim bezwang er im Finale mit einem Yuko – ebenfalls gegen Ende des Kampfes.

Ja, er habe eine bessere Kondition gehabt als seine Rivalen, sagte Bischof: „Das liegt daran, dass ich härter trainiere.“ Judo ist ein kraftraubender Sport, durch permanente Bewegung, durch Halten, Zerren und Schubsen muss der Gegner aus dem Gleichgewicht gebracht werden, um ihn dann mit einem Wurf zu überraschen. Judo ist aber zugleich ein Sport, der durch Geist und Strategie entschieden wird; auch da stellte Bischof seine Konkurrenten in den Schatten. Vom Institut für angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig hatte er sich eigens über jeden der 35 möglichen Gegner ein Videoband anfertigen lassen.

Für ihn persönlich mag das alles also gar nicht so überraschend gewesen sein. Dass er erst am Dienstag bei Olympia debütierte, hatte schließlich auch damit zu tun, dass ihm 2004 der Ex-Weltmeister Florian Waller den Weg versperrte; nur ein Judoka pro Nation darf starten. „Sehr bitter“ sei das damals gewesen, sagt Bischof. „Aber so hatte ich vier Jahre Zeit, noch mehr zu trainieren.“ Wie in den Jahren zuvor tat er es unter der Anleitung von Trainer Frank Wieneke, dem Olympiasieger von 1984. Der hatte am Diensta manche Träne im Auge – es war das erste Gold in seinen acht Jahren als Männer-Bundestrainer.

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