Deutschland AG in Bonitätskrise
Neues Vertrauen wird wieder Anleger locken

Deutsche Investoren haben in der aktuellen Wirtschaftskrise fast doppelt so viel eingebüßt wie US-Investoren. Statt Missmut sind aber beherzte Reformen angesagt: Die Deutschland AG ist ein solides Sanierungsobjekt.

NÜRNBERG. Amerikanische Anleger wurden in den letzten zwei Jahren missbraucht, getäuscht, betrogen und von Terroristen verfolgt. Kein Wunder, dass der Dow Jones von 11.700 auf 7600 Punkte einbrach. Auch deutschen Investoren blieben in diesem Zeitraum Hiobsbotschaften nicht erspart. Insbesondere am Neuen Markt brachen Businesspläne wie Kartenhäuser zusammen und bereicherten sich unseriöse Manager.

Selbst wenn man aufgrund unterschiedlicher Marktgrößen den Vertrauensmissbrauch der Anleger in den USA und in Deutschland relativiert, so übertreffen die Bilanzfälschungen bei Enron und Worldcom vergleichbare Vorgänge bei deutschen Unternehmen. Die Anlegermanipulationen der Analysten von Merrill Lynch und Salomon Smith Barney stellen ebenfalls die deutscher Analysten in den Schatten. Außerdem blieb Deutschland ein direkter Angriff auf führende Köpfe und Symbole seiner Wirtschaft erspart, wie das den USA am 11. September 2001 widerfahren ist.

Dennoch sank der Dax von 8.100 auf 2.700 Punkte. US-Anleger verloren maximal 35 Prozent, während deutsche Investoren 65 Prozent einbüßten. Schnell neigen Kommentatoren zur Einordnung des deutschen Kursdilemmas in das beliebte Kapitel der Börsenirrationalitäten. Nach ihrer Meinung treibt deutsche Anleger statt Ratio reine Panik. Mittel- und langfristig bestimmen aber in Theorie und Praxis fundamentale Wirtschaftsdaten die Börsenbewertung von Unternehmen.

Angesichts der Länge des Kursniedergangs sinkt die Hoffnung, dass die überproportionale Herabstufung deutscher Unternehmen ein schnelles Ende finden wird. Wir erwachen nicht aus einem kurzen Albtraum, wie nach dem Crash 1987, sondern befinden uns im ökonomischen Abstieg aus der Liga der Triple-A-Länder und-Unternehmen. Die Deutschland AG ist ein Sanierungsfall.

Hohes Niveau

Wenigstens im Kernbereich aber stellt die Deutschland AG - anders als etwa die Philipp - ein grundsolides Sanierungsobjekt dar. Ihre Bürger verfügen über hohe Ausbildungsstände und umfangreiche Vermögenswerte, ihre Infrastruktur befindet sich in den alten und neuen Bundesländern in Bezug auf Versorgungs- und Entsorgungsanlagen auf neuestem Stand, Verkehrswege und Kommunikationsdienstleistungen zählen zum internationalen Spitzenniveau, und unabhängig von der Couleur der jeweiligen Regierungsparteien weist das Land eine vergleichbar hohe politische Stabilität auf.

Schließlich demonstrieren hohe Exportzahlen, dass die Deutschen weiterhin konkurrenzfähige Güter produzieren. So schlecht ist es um die Deutschland AG also gar nicht bestellt. Aber gerade hier liegt eines ihrer Hauptprobleme. In Erwartung zukünftigen Wohlstands und weiteren Wachstums werden Gewinne verteilt, die noch nicht erwirtschaftet wurden. Dieses Verhalten kann sich auch ein reiches Land nur für einen beschränkten Zeitraum leisten.

Viele Unternehmen am Neuen Markt vernachlässigten aus Euphorie über die zu erwartenden zukünftigen Gewinne ein aktives Kostenmanagement und ein strenges Achten auf effiziente Führungsstrukturen. überzogene Wachstums- und Gewinnprognosen nützen ihrem Management ebenso wenig wie der Regierung zu optimistische Wachstumsprognosen und Vorhersagen zur Reduktion der Arbeitslosenzahlen. Anleger und Bürger lassen sich nur kurzfristig täuschen.

Glücklicherweise verfügt die Deutschland AG über wesentlich mehr Substanz als die jungen Unternehmen des Neuen Marktes. Sie muss jetzt aber das Vertrauen der internationalen Investoren in ihre Fähigkeit zu effizientem Wirtschaften, Verwalten und Regieren zurückgewinnen.

Vertrauen ist ein hochsensibler Wert: Mißtrauen führt zu Kursabschlägen. Banken und Versicherungen, denen die Sparer misstrauen, schließen weniger Verträge ab. Emissionsbanken, die ihren Anlegern "Schrottemissionen" empfehlen, verlieren den Markt für Neuemissionen. Unternehmen, die Businesspläne schönen, erhalten kaum neues Kapital. Regierungen, die Steuersenkungen beschließen und stattdessen die Abgabenlast erhöhen, schaden der Deutschland AG bei den internationalen Investoren. Sie werden Fluchtgelder ihrer Steuersünder nicht repatriieren.

Mut zur Wahrheit fehlt

Deutschland hat am energischsten nach strengen Stabilitätskriterien gerufen und ist jetzt internationaler Häme ausgesetzt, wenn es sie selbst nicht erfüllt. Deutschlands Gesellschafssystem ist noch an der Zeit des schnellen Wachstums, der Vollbeschäftigung und der günstigen Relation zwischen Ruheständlern und Arbeitenden ausgerichtet. Die Politiker bringen nicht den Mut auf, ihren Bürgern die ganze Wahrheit sagen. Angesichts der demografischen Situation bleibt nur die Frage, wer wann welche Opfer bringt. Dabei mag die kapitalgedeckte private und betriebliche Altersvorsorge effizienter sein als die gesetzliche Rentenversicherung. Aber offen bleibt, wer in 20 Jahren die Aktien der vielen Rentner kauft, und wie sich dieser Verkaufsdruck auf die Kurse auswirken wird.

Noch reformbedürftiger sind die Gesundheits- und Arbeitsmarktsysteme. Es ist bisher nicht gelungen, soziale Gerechtigkeit und die motivierende Kraft der Märkte in Einklang zu bringen. Stattdessen bedient man sich weiterder Systeme des Marktausschlusses. Dieser Reformstau durchzieht die gesamte staatliche Verwaltung und die Bildungssysteme. Der Ausschluss der Kontrolle über den Markt rächt sich durch Ineffizienz. Höhere Steuern zur Finanzierung von besserer Ausbildung klingen verführerisch - tatsächlich verschrecken sie Investoren. Sie bremsen das Wachstum und steigern den Reformstau im Bildungssystem.

Insgesamt hat sich die Deutschland AG eine reformfeindliche Corporate Governance zugelegt, die effektives Regieren verhindert. Statt zu regieren befindet sich ihr Führungspersonal im Dauerwahlkampf. Wird in Nürnberg ein OB gewählt, muss der Kanzler auftreten. Zur Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen darf er auch nicht fehlen, und noch in der Wahlnacht zur Bundestagswahl reden die Politiker von den anstehenden Wahlen in Hessen, Niedersachsen und Bayern. Dieses Kontrollsystem der Deutschland AG begünstigt Polemiker und Opportunisten.

Natürlich will niemand einen Krieg im Irak, zumal die Deutschen mit ihrer hohen Abhängigkeit vom importierten öl von einer Destabilisierung der arabischen Welt stärker betroffen wären als Großbritannien und die USA. Dies muss man seinem Partner statt über Wahlreden mit Diplomatie beibringen. Diplomatie bringt zwar keine Wählerstimmen erhält aber deutschen Unternehmen amerikanische Absatzmärkte und schreckt amerikanische Fonds nicht vom Kauf deutscher Aktien ab.

Amerikaner weiter

Die Liste des aktuellen Misstrauens gegen Anlagen in deutschen Aktien ist lang. Zwar war das 4. Finanzmarktförderungsgesetz mit seinen Ausführungen zum Anlegerschutz ein Lichtblick, die Amerikaner sind mit ihrer Reaktion auf die erlebten Anlegerschädigungen in kurzer Zeit aber wesentlich weiter vorangeschritten. Betrügerische Manager müssen in den USA Haftstrafen von 20 Jahren befürchten. Wirtschaftsprüfungsgesellschaften werden überwacht, und die ohnehin bereits mit umfangreichen Befugnissen ausgestattete SEC erhält umfangreiche Mittel zur Aufrüstung ihres Personals.

Deutsche Anleger haben wesentlich schlechtere Chancen als amerikanische bei Klagen gegen betrügerische Manager. Daran kann die begrüßenswerte Schaffung eines Premium Standards durch die Deutsche Börse wenig ändern. Der Neue Markt sollte Glanzstück der Börse in Frankfurt sein, jetzt wird er geschlossen. Es bleibt aber die wichtigste Aufgabe der Börse neue Ideen mit Kapital zu versorgen. Wenn jetzt durch den Misserfolg des Neuen Marktes, an dem besonders einige Emissionsbanken und unseriöse Unternehmer Schuld sind, auch der Venture Capital Markt zum Erliegen kommt, wird der deutsche Börsenmarkt nicht nur im Kursniveau, sondern auch in seiner wirtschaftlichen Funktion zurückgeworfen. Die gegenüber US-Aktien und britischen Aktien höheren Kursabschläge auf deutsche Aktien sind Risikoabschläge aufgrund mangelnden Vertrauens.

Prof. Wolfgang Gerke ist Inhaber des Lehrstuhls für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Quelle: Handelsblatt

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