Deutschland birgt für Software-Entwickler hohes Risiko
Die X-Box muss PC-Spieler für sich gewinnen

Stefan Lampinen schlägt Alarm: "Deutschland droht, den Anschluss in einem Zukunftsmarkt zu verlieren." Der Managing Director Central Region des Softwarekonzerns Electronic Arts (EA) Inc. spricht vom Markt für Videospiele.

MÜNCHEN/KÖLN. In den USA boomt das Geschäft mit der Software für Video- und Computerspiele, Großbritannien hatte 2001 ein Rekordjahr mit rund 1,5 Mrd. Euro Umsatz. In Deutschland gingen dagegen im vergangenen Jahr die Gesamterlöse um 5 % auf 1,53 Mrd. Euro zurück; bei den Videospielen, die rund ein Drittel des Umsatzes ausmachen, waren es mit 556 Mill. Euro sogar Minus 9 %.

Noch dramatischer sieht es bei Hardware aus. Bis Jahresende verkaufte die Sony Corp. ihre Playstation 2 (PS2) in Großbritannien rund 1,9 Millionen, in Frankreich 1,2 Millionen mal. In Deutschland, wo die Kunden traditionell eher Computerspiele kaufen, konnte der japanische Konzern nur knapp 750 000 Videospiele-Konsolen absetzen. Sinkende Umsätze mit Software für alte Geräte können so schwerer ausgeglichen werden.

Anbieter wie EA fürchten nun, dass sich das Problem mit der 479 Euro teuren X-Box der Microsoft Corp., die in Europa am 14. März in die Läden kommt, wiederholen wird. Sie müssen entscheiden, wie viele deutschsprachige Spiele sie entwickeln und produzieren. Je kleiner der Markt, desto größer das Risiko. "Da wäre es interessant, Microsofts Absatzpläne in Deutschland zu kennen", sagt Lampinen. Ohne diese Informationen sei das ganze eher "eine Herausforderung". Und ohne Hardware kein Softwareverkauf. Insgesamt werden Microsoft und Drittanbieter in Europa mit 19 Softwaretiteln an den Start gehen.

Das Softwareangebot spielt eine wichtige Rolle

Das Softwareangebot - und damit die Investitionsbereitschaft der Hersteller - spielt eine entscheidende Rolle für den Hardwareabsatz, wie Robbie Bach, X-Box-Chef von Microsoft, im Gespräch mit dem Handelsblatt einräumt. Er bestätigt aber: "Wir reden nicht über die Planungen zum Erstverkaufstag." Um die Handelskanäle in Europa aufzufüllen, würden um 400 000 Einheiten gebraucht, sagt er nur. Und das sei "schon das Ziel". Er glaubt auch, dass die X-Box in Frankreich und England zumindest anfangs besser läuft als in Deutschland.

Auf die Marktentwicklung werde Microsoft flexibel reagieren: "Die Europamanager werden jede Woche telefonieren und entscheiden, wie die Produktionsmenge verteilt wird." Da könnte für einen schwachen deutschen Markt wenig übrig bleiben. Bis Jahresmitte will Microsoft weltweit 4,5 bis 6 Millionen Konsolen verkaufen - vornehmlich in den USA, wo wöchentlich 35 000 Stück abgesetzt würden, Tendenz steigend. Auch die europäische Fabrik musste zunächst für den US-Markt mitproduzieren.

Holt Deutschland bei Videospielen nicht auf, landet es da auf dem Abstellgleis, fürchtet EA-Manager Lampinen. Zumindest mit dem französischen Markt hätte man im PS2-Geschäft längst gleichziehen müssen, sagt der Schwede, der seit April 2001 Deutschlandchef von EA ist. Da je Konsole rund vier Softwarepakete à 59 Euro verkauft würden, addiere sich der Umsatzunterschied bei rund 500 000 Konsolen auf über 110 Mill. Euro. Das könnte Softwarefirmen dazu veranlassen, ihre Personal- und Entwicklungsskapazitäten auf andere Länder zu konzentrieren. EA ist mit einem Umsatz von rund 1,25 Mrd. $ in den ersten drei Quartalen des laufenden Geschäftsjahres Weltmarktführer für Spielesoftware. Der Konzern sei im deutschsprachigen Markt im Vorjahr gegen den Trend um 25 % gewachsen, sagt Lampinen, und auch dieses Jahr will er diesen Wert erreichen. Dann werde der Umsatz hier "deutlich über 200 Mill. Euro" liegen. Doch dafür muss der X-Box-Start ein Erfolg werden. Daran lässt er keinen Zweifel.

Auch Microsoft kennt die Probleme im traditionell auf PC-Spiele fokussierten deutschen Markt. "Wir haben aber in den USA gesehen, dass wir viele PC-Spieler zum Umschwenken bewegen konnten. Das muss uns auch in Deutschland gelingen", sagt Bach. Allerdings sei dies ein langfristiger Prozess.

Ob die Branche es sich leisten kann, so lange zu warten, ist laut Lampinen fraglich. Ohne einen "Weckruf" droht der Kampf um das Unterhaltungsbudget der Deutschen seiner Ansicht nach verloren zu gehen. Videospiele stünden in direkter Konkurrenz zu Musik-CD, Video-DVD und auch Handy und SMS.

Für den Gesamtmarkt müssten mit zwei neuen Konsolen - X-Box im März und Nintendos Gamecube voraussichtlich im Mai - mindestens 15 % Wachstum drin sein, um mitzuhalten, so Lampinen. Marktanalysten sehen den auf 20 Mrd. $ geschätzten Weltmarkt in den nächsten Jahren sogar um bis zu 30 % jährlich wachsen. Der Verband der Unterhaltungssoftware Deutschland e.V. geht allerdings für 2002 von einem "einstelligen Wachstum" aus. Damit würde der Abstand weiter wachsen.

Unpassend für den Microsoft-Europastart kamen Beschwerden japanischer Käufer, das X-Box-DVD-Laufwerk habe ihre Spiele-DVD zerkratzt. Microsoft bestätigt dies, wies jedoch daraufhin, die Schäden seien "nur optisch". Trotzdem wolle man kulant vorgehen. Für Microsoft ist der wichtige japanische Markt schwierig: Zum Start am 22. Februar sind nur rund 120 000 Konsolen verkauft worden, bestätigte Bach.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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