Deutschland gegen Österreich
Krieg mit Stollen und Stutzen

Rund 30 Jahre nach der "Schmach von Córdoba" treffen sich Deutschland und Österreich morgen wieder auf dem Schlachtfeld. Schwer bewaffnet mit Stutzen und Fußballschuhen! Damals wie heute führen die Mannschaften einen Stellvertreterkrieg - denn Fußball ist mehr als nur ein Sport.

DÜSSELDORF. "I werd narrisch!" Der Freudenausbruch des österreichischen Fernsehkommentators Edi Finger über Hans Krankls Siegtor gegen die deutsche Mannschaft im WM-Viertelfinale 1978 kannte keine Grenzen. Wenn die Deutschen am Montag, fast auf den Tag genau 30 Jahre nach der "Schmach von Córdoba" (in Österreich "Wunder von Córdoba" genannt) wieder auf die österreichische Auswahl treffen, wird Fingers Reportage wohl von den deutschen und österreichischen Sendern wiederholt werden. Ein Fußballspiel kann hochemotional sein. Und sogar weit mehr als das.

Fingers Reportage genießt in Österreich einen ähnlichen Kultstatus wie hierzulande Herbert Zimmermanns Rundfunkübertragung des WM-Finales von Bern 1954. Dessen Begeisterung über den deutschen Sieg gegen den Favoriten, die als unschlagbar geltenden Ungarn, spiegelte den Zustand der deutschen Seele kurz nach dem Krieg wider: Endlich "war man wieder wer". Einige Historiker sehen im Triumph von Bern die eigentliche Geburtsstunde Nachkriegsdeutschlands.

Die Fußballspiele der deutschen Nationalmannschaft bei großen Turnieren erscheinen den Gegnern offensichtlich in Abwandlung des berühmten Satzes von General von Clausewitz wie "die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln". Wenige Tage vor Beginn der Europameisterschaft versuchte eine polnische Boulevardzeitung die Stimmung durch eine martialische Karikatur aufzuheizen, die an den polnisch-litauischen Sieg über den Deutschen Orden in der Schlacht von Tannenberg im Jahre 1410 erinnerte. In Deutschland dürften die meisten Boulevardpresseleser diese Schlacht überhaupt nicht kennen.

Es bedarf keiner großen Fantasie, sich vorzustellen, welche Erinnerungen in Teilen der englischen Presse bemüht worden wären, wenn die deutsche Mannschaft auf die englische Auswahl träfe - hätte diese sich qualifiziert. Vor dem EM-Halbfinale 1996 hieß es in der "Sun" in Anspielung an die Luftschlacht um England 1940: "Let's Blitz Fritz."

Länderspiele gegen Deutschland wirken auf die Öffentlichkeit des Gegners offenbar wie eine Art Ablassventil des kollektiven nationalen Gedächtnisses: In Deutschland fast vergessene Schlachten werden auf dem Fußballfeld erneut inszeniert, und ein Sieg über den Lieblingsfeind Deutschland wird als nachträglicher Triumph genüsslich ausgekostet.

Auch Edi Fingers sechsfacher Torschrei wirkt auf den neutralen Betrachter wie die Befreiung von einer zentnerschweren Last. Was Finger gefühlt haben könnte, brachten österreichische Zeitungen am nächsten Tag auf den Punkt. Sie titelten "Rache für Königgrätz". 112 Jahre vor dem österreichischen Fußballtriumph von Cordoba hatte Preußens Armee der österreichischen bei Königgrätz, im heutigen Tschechien, eine vernichtende Niederlage beigebracht. Die Schlacht gilt als ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur deutschen Reichsgründung von 1871 - unter preußischer Führung und ohne die deutschsprachigen Teile des Vielvölkerstaates Österreich, der fortan als europäische Zentralmacht entscheidend geschwächt war. Der 3:2 Sieg der österreichischen Mannschaft gegen die deutsche über ein Jahrhundert später war also "die Revanche und Wiedergutmachung für die Niederlage der Vorväter auf dem Schlachtfeld", wie es Michael Häupl, Wiens Bürgermeister, damals auf den Punkt brachte.

An ein erneutes "Wunder" glauben derweil nur die kühnsten Optimisten Österreichs. In der Weltrangliste der Fifa steht Österreich auf Platz 92, Deutschland auf Rang 5.

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