Deutschland hat Nachholbedarf beim Einsatz von Internet-Netzwerken und einheitlicher Informationstechnologie
Dr. WWW wirkt wahre Wunder

Bessere Informationstechnologie in Krankenhäusern, Arztpraxen und Krankenkassen könnte 20 Mrd. Euro pro Jahr sparen. Doch manch sinnvolles Projekt scheitert am fragmentierten deutschen Gesundheitswesen.

DÜSSELDORF. Für Prof. Wilfried von Eiff vom Centrum für Krankenhaus-Management (CKM) an der Uni Münster ist der Fall klar: "Das Gesundheitswesen braucht die Internet-Revolution!" Deutschland habe beim Einsatz moderner Informationstechnologien und einer Vernetzung der Systeme zwischen Krankenhäusern, Krankenkassen und Ärzten erheblichen Nachholbedarf.

Eine Umfrage des CKM - schon zwei Jahre alt, aber in der Tendenz noch richtig - offenbarte erschreckende Defizite. So hat nur eine kleine Minderheit der befragten Krankenhäuser eine Vorstellung davon, wie das Internet nutzbringend zur Verbesserung der Abläufe im Krankenhaus eingesetzt werden kann. Genauso trist sieht nach Erfahrungen der Technologieberatung Accenture die praktische Realität des IT-Einsatzes aus: Es herrschen Insellösungen vor, ohne Schnittstellen zur Vernetzung.

Dabei sind alle Experten einig, dass integrierte IT-Anwendungen "der Schlüssel für die Modernisierung des Gesundheitswesens sind", wie Justin Rautenberg, Accenture-Geschäftsführer Health & Life Sciences betont. Die USA und Japan sind beim nötigen Umbau der Geschäftsprozesse, die zu besseren Gesundheitsleistungen führen, viel weiter.

IT und Internet können wahre Wunder wirken

Hier sind Informationsnetzwerke zwischen Patienten, die bei uns gerade erst am Entstehen sind, schon weit fortgeschritten. Hier ist die digitale Patientenakte, auf die jeder behandelnde Mediziner im Krankenhaus oder in der Arztpraxis zugreifen kann, schon verwirklicht, während man sich hierzulande noch in Pilotprojekten abmüht. Zentrale Einkaufs- und Logistik-Verbünde heben mit ausgelagerten Finanz- und Rechenzentren enorme Sparpotentiale. Möglich wird all dies durch einheitliche IT-Systeme, die hier zu Lande fehlen.

Um die Kostenexplosion im Gesundheitswesen zu dämpfen, könnten IT und Internet wahre Wunder wirken. Denn ein Großteil dieser Kosten - IBM Business Consulting Services schätzt bis zu 20 % - entstehen durch fehlgeleitete Ressourcen und Informationsmängel. Diese wiederum lösen oft Behandlungsmängel aus. Solche Kosten ließen sich durch integrierte IT-Systeme und effizienten Datentransfer, etwa per PDA am Krankenbett, fast völlig vermeiden, sagt Rolf Porsche, Partner und Gesundheitsexperte der IBM-Beratungssparte. "Konservativ geschätzt könnten so im Jahr in Deutschland bis zu 20 Milliarden Euro eingespart werden, weit mehr als durch hastig gestrickte Notgesetze", sagt er. Diese Zahlen werden von Accenture bestätigt.

Vor dem Sparpotenzial durch IT stehen grosse Hürden

Die Einsparungen haben darüber hinaus die angenehme Nebenwirkung, dass Ärzte und Pfleger von zeitraubenden Verwaltungstätigkeiten entlastet werden können und so wieder mehr Zeit für ihre Patienten haben.

Doch um die Sparpotenziale zu nutzen, müssen noch zahlreiche Hürden überwunden werden. "Der flächendeckende Einsatz von IT und Telekommunikationstechnik mit einheitlichen Standards ist zum Beispiel für die Einführung der digitalen Gesundheitskarte notwendig", sagt Jürgen Sembritzki, Geschäftsführer des Krefelder Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen (ZTG). Die vom Land NRW geförderte Gesellschaft treibt deshalb die Entwicklung von IT-, Software- und Datenstandards voran.

Outsourcing-Modelle zur Finanzierung gefragt

Handlungsbedarf besteht auch bei den Gebührenordnungen, die die Abrechnung telemedizinischer Leistungen bislang noch nicht vorsehen. Angepasst werden müssen zudem rechtliche Vorschriften, etwa im Datenschutz. "Hier ist vieles machbar", sagt ZTG-Experte Sembritzki. Datenschutzrechtliche Argumente gegen Telemedizin würden häufig nur vorgeschoben.

Ein weiteres Hindernis ist die Finanzierung der IT-Investitionen. Denn im fragmentierten deutschen Gesundheitswesen profitiert von Einsparungen häufig nicht derjenige, der investieren müsste. Beispiel elektronisches Rezept: Die von IBM geschätzten 200 Mill. Euro Einsparung im Jahr fallen vor allem bei den Kassen an, die Lesegeräte müssten aber Ärzte und Apotheker anschaffen. Sie hätten dadurch aber nur mehr Kosten und keinen Ertrag. IBM-Berater Porsche fordert, Investition über Outsourcing-Modelle zu finanzieren. Die Kassen sollten die Infrastruktur von Dritten einkaufen, die wiederum die Technik den Ärzten und Apotheken zur Verfügung stellen.

Die geplante Umstellung der Abrechnung auf Fallpauschalen wird den Spardruck erhöhen, schätzen die Experten. Dieses ergebnisorientierte Prinzip zwinge zu effizientem Handeln und fördere so integrierte IT-Anwendungen, sagt ZTG-Leiter Sembritzki. Accenture-Mann Rautenberg ist sicher: "Der heilsame Zwang, grundlegend umzudenken, war noch nie so stark wie jetzt."

Quelle: Handelsblatt

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