Deutschland hat seit der Wiedervereinigung an Boden verloren
Demokratische Staaten bieten die besten Entwicklungschancen

Der Uno-Bericht über die "menschliche Entwicklung 2002" meldet Fortschritte. Die Lebenserwartung steigt, die Demokratie kommt voran. Doch Bürgerkriege und Armut trüben die positive Bilanz.

GENF. Deutschland belegt im "Bericht über die menschliche Entwicklung 2002", herausgegeben vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programm, UNDP), den 17. Rang. Damit hat sich die Bundesrepublik in der Uno-Rangliste im Vergleich zum Vorjahr halten können. Seit der Wiedervereinigung hat Deutschland jedoch Boden verloren: 1990 belegte die (alte) Bundesrepublik noch den 15. Rang in diesem weltweiten Vergleich der Lebensstandards. In den UNDP-Index fließen Werte wie die Lebenserwartung, Bildung, Gleichbehandlung der Geschlechter und Pro-Kopf-Einkommen. Auf Platz ein des Indexes liegt Norwegen, gefolgt von Schweden, Kanada und Belgien.

Insgesamt "zeigt der Report substantiellen Fortschritt bei der menschlichen Entwicklung in den meisten Teilen der Welt", schreiben die UNDP-Experten. Besonders bei der "Stärkung der Demokratie" kann die Uno-Agentur eine durchaus positive Bilanz ziehen: "Weltweit gibt es mehr demokratische Länder und mehr politische Partizipation als je zuvor." So würden 121 Länder von 147, für die Daten verfügbar sind, Elemente einer formalen Demokratie aufweisen. Vor zwei Jahrzehnten genügten nur 54 Länder den Mindestansprüchen einer Demokratie. Immerhin lebt laut UNDP heute mehr als die Hälfte der Menschheit in Staaten mit demokratischer Funktionsweise.

Der UNDP-Report zeigt eindeutig: In den 20 Staaten mit der höchsten menschlichen Entwicklung herrschen stabile demokratische Strukturen. Während unter den 20 Ländern am Ende der Tabelle sich auffallend viele Staaten mit zerrütteten oder autoritären Regierungsstrukturen finden. Die Uno fordert eine Demokratie, die über freie Wahlen hinausgeht. Demokratische Normen müssten auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene fester verankert werden.

Staaten mit fragilen demokratischen Strukturen sind laut dem Entwicklungsprogramm auch anfälliger für bewaffnete Konflikte, besonders für innerstaatliche. Bürgerkriege sind heute dominanter als zwischenstaatliche Konflikte - und blutiger: "Seit 1990 starben schätzungsweise mehr als 220 000 Menschen in zwischenstaatlichen Kriegen, verglichen mit 3,6 Millionen Todesopfern bei innerstaatlichen Kriegen." Dabei beläuft sich die Zahl der Zivilisten unter den Opfern auf 90 Prozent. Das hat auch dramatische Auswirkungen auf die Entwicklung: "In sieben der zehn Länder mit den niedrigsten Indizes der menschlichen Entwicklung tobten kürzlich große Bürgerkriege."

Dennoch vermeldet die Uno auch einige Fortschritte, beispielsweise im Bereich Bildung. In mehr als 50 Staaten der Welt ist der Grundschulbesuch verwirklicht oder das Uno-Ziel "Grundschule für alle" wird bis zum Jahr 2015 erreicht. In 24 Staaten kann von einer Grundschulbildung jedoch keine Rede sein und in 93 Staaten stehen keine Daten zur Verfügung - in diesen Ländern leben fast 40 Prozent der Weltbevölkerung.

Ein anderes Beispiel ist der Kampf gegen den Hunger: Rund 57 Länder haben die Zahl derjenigen, die unter Hunger leiden, halbiert. Dieser Fortschritt dürfte jedoch durch das rasante Bevölkerungswachstum wieder wettgemacht werden. Falls das bisherige Tempo bei der Bekämpfung des Hungers beibehalten wird, dauert es 130 Jahre, bis alle Menschen genügend zu essen haben. Düster sieht es beim Thema Armut aus: "Rund 130 Länder mit etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung wachsen wirtschaftlich nicht schnell genug, um die Armut wirklich zu bekämpfen", schreibt die Uno. "Und 52 Länder hatten tatsächlich ein negatives Wachstum."

Der Bericht ruft zu konkreten Reformen auf. Die Rolle der Entwicklungsländer in den internationalen Institutionen müsse gestärkt werden. Fast die Hälfte der Abstimmungsmacht in Weltbank und beim IWF liege in den Händen von nur sieben reichen Ländern. Zwar hätten in der Welthandelsorganisation WTO alle Länder einen Sitz und Stimme. Aber in der Praxis würden Entscheidungen von den Großen getroffen. "Die mächtigen Staaten werden in globalen Entscheidungsprozessen immer eine wesentliche Rolle spielen. Aber es gibt eine Menge Spielraum, um den ärmeren Ländern ein wirkliches Mitspracherecht zu geben."

Quelle: Handelsblatt

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