Deutschland
Im Bauch der Truppe

Ein kleiner Ort in der Pfalz ist eines der wichtigsten Zentren für den Irak-Krieg geworden - ein Besuch in Ramstein, dem größten Umschlagplatz der US-Luftwaffe in Europa.

Colonel David McLean, 53, kennt die müden Augen. Er war dabei, als Seeleute des Zerstörers USS Cole ankamen, nachdem sie vor dem Jemen angegriffen worden waren. Er hat die ersten verletzten US-Soldaten des Kriegs in Afghanistan begrüßt. Jetzt hat er mit den im Irak Verwundeten gebetet. McLean ist Armeekaplan im US-Militärkrankenhaus Landstuhl, ein Geistlicher, der in Kampfanzug und Springerstiefeln arbeitet - derzeit im Schichtdienst, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Normalerweise teilt sich McLean hier im größten US-Hospital Europas gemeinsam mit einem Kollegen die Arbeit. "Aber jetzt ist Krieg", erzählt er. "Jetzt sind wir zu sechst - und arbeiten trotzdem noch zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag."

Jedes Mal, wenn die Ankunft eines Verletztentransports gemeldet wird, setzt sich McLean in einen der olivgrünen Busse mit dem roten Kreuz an der Seite und lässt sich die sieben Kilometer nach Ramstein fahren: auf die Air-Base, wo die Verwundeten nach 3 600 Kilometern Flug landen. Viele von ihnen sehen die immergrünen Kiefernwälder der Pfalz nicht das erste Mal. Denn Ramstein, ein kleiner Ort bei Kaiserslautern, ist der größte Umschlagplatz der US-Luftwaffe in Europa, für Menschen und für Material.

Gerade erst hat US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld 30 000 zusätzliche Soldaten an den Golf beordert. Soldaten, die Waffen benötigen, Lastwagen für den Landtransport und Proviant. Material, das die US-Streitkräfte zum Großteil von Ramstein aus in den Nahen Osten fliegen werden.

Wie viele Flugzeuge? Wie viele Tausend Tonnen Material? Wie viele Starts und Landungen? Alles streng geheim, auch für die Nato-Partner. "Genaue Zahlen geben uns die Amerikaner nicht. Aber seit dem Truppenaufmarsch am Golf ist es deutlich mehr geworden", sagt Walter Schneider, der als Oberstleutnant im Nato-Hauptquartier Alliierte Luftstreitkräfte Nordeuropa arbeitet. "An manchen Tagen", erzählt Elona Albers von der Kaiserslauterer Bürgerinitiative "Lautstark", "donnern uns die Transportmaschinen alle drei bis vier Minuten übers Haus."

Auf dem Flugfeld stehen sie alle, die dickbauchigen C-130 Hercules, aber auch die gigantischen C-5 Galaxy, die Material und Waffen aus den USA einfliegen. Wenn das Pentagon der Kopf der amerikanischen Streitkräfte ist und die Armee im Irak der Arm, dann ist Ramstein der Bauch.

Von Ramstein aus - 19 000 Einwohner, zwei Drittel davon Amerikaner - sorgen Logistiker, Ladeexperten und Piloten der 86. Airlift Wing und der 37. Airlift Squadron dafür, dass das Material umgeladen und wieder ausgeflogen wird. Die Zahl der Ausnahmegenehmigungen für Nacht-Starts und-Landungen ist deutlich gestiegen, draußen kontrollieren Bundeswehrsoldaten die Wagen, die in Dreierreihe die autobahnähnliche Zufahrt Richtung Westtor rollen. Die Bundeswehr-Bewacher tragen Kampfanzug und Stahlhelm, das Maschinengewehr hängt schussbereit über der Schulter. "Vorsicht Schusswaffengebrauch", warnt ein Schild auf dem Besucherparkplatz.

"Sicherheitsstufe Charlie - ein Vorfall ereignet sich, oder es gibt Hinweise auf akute Terrorgefahr", steht auf einem Schild an der Zentrale der 37. Airlift Squadron der amerikanischen Luftwaffe: Die höchste Alarmstufe Delta gilt nur, wenn die Basis selbst angegriffen wird - und nicht, wenn US-Streitkräfte 3 600 Kilometer entfernt einen Diktator entmachten wollen.

Über die Rolle im Golfkrieg redet man nicht gerne in Ramstein. Auch Major Lisa Webster, 34, nicht. Wie oft sie in letzter Zeit geflogen ist und wohin? Die Pilotin zuckt mit den Schultern, blickt fragend hinüber zu Pressesprecherin Heather Miller, 29. Die übernimmt und klärt auf: "Wir fliegen mal häufiger, mal weniger häufig, das wechselt. Und zu den Zielen nennen wir keine Details." Ramsteins Auftrag sei immer gleich: die US-Streitkräfte mit allem versorgen, was sie benötigen, und zwar "in the whole theater" - wo auch immer Nachschub benötigt wird, heißt das. Und was ist mit dem Irak? "Dazu können wir nichts sagen."

Immerhin aber erklärt sie, warum auf dem Flugfeld auch weiße Boeing 747 stehen, mit Aufschriften wie Polar Air Cargo oder Evergreen. Die Flugzeuge gehörten privaten Gesellschaften, die Transporte übernähmen, weil die Luftwaffe alleine es nicht schaffe, sagt Miller.

An den Golf geflogen wird das Material von Piloten wie Lisa Webster und Flugingenieuren wie Sergeant David Green, 42. Green ("Meine Aufgabe ist es, möglichst viel aus der Maschine herauszuholen") trägt einen zackigen Seitenscheitel, eine olivgrüne Fliegeruniform wie alle hier und das blau-weiße Halstuch des Geschwaders unter den Kragen gewickelt.

Der Ingenieur wirkt ruhig, als könnten ihn nicht einmal Triebwerksausfälle aus der Ruhe bringen. Er sei jetzt 23 Jahre bei der Luftwaffe, "wie schon mein Vater", erzählt er, "und ich habe jedes Jahr genossen". Ein Vorzeigesoldat. Die Hilfsflüge nach Mosambik während der Überschwemmungen vor zwei Jahren haben ihm besonders gut gefallen. "Da konnten wir den Menschen zeigen, dass sich Amerika um sie kümmert."

Der Flugingenieur lebt mit seiner spanischen Frau seit sechs Jahren draußen vor den Toren der Kaserne - nicht drinnen in einem der vielen vierstöckigen Wohnblocks, die aus einem Teil der Air-Base eine sandgelbe Siedlung machen, umgeben von Kneipen, Banken, Sporthallen, einem 18-Loch-Golfplatz und sogar einem kleinen Finanzamt. Zwölf Quadratkilometer groß ist das Gelände. Die Hangars und Leichtbaupavillons am Flugfeld sind von den Wohngegenden aus nicht zu sehen. Nur der Lärm startender und landender Transportmaschinen dringt ab und zu herüber.

Hier wohnen vor allem die Junggesellen, auch Senior Master Brad Steyer, 21, dessen kahl rasierter Schädel auf einen kürzlichen Termin beim Air- Force-Friseur hindeutet. Steyer ist dafür verantwortlich, die bis zu 20 000 Kilo Gepäck im Bauch der Hercules - Maschinen zu verstauen. "Alles, was die Truppe braucht", packe er in die Maschinen, sagt er. "Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente, Munition, alles eben. Auch Zeugs, das die Moral stärkt, Briefe zum Beispiel."

Während Steyer das erzählt, wartet einer von Kaplan McLeans Kollegen schon wieder auf dem Flugfeld auf einen Verletztentransport. Wenig später heult die Sirene eines amerikanischen Polizeiwagens dem Krankenbus die Ausfahrt aus der Air-Base und den Weg nach Landstuhl frei. Auf dem Gelände des Hospitals wird die für Notfälle vorgesehene Zufahrtsstraße geöffnet, und kurz darauf werden die verletzten Soldaten in die Notaufnahme geschoben.

Das sind die Momente, auf die die amerikanischen Fernsehsender warten. CBS, NBC und ABC haben Kamerateams vor Ort. Die NBC-Reporterin, dem Ernst angemessen in schwarzem Blazer und weißer Bluse, hat das Mikrofon schon in der Hand und wartet auf das Startsignal. Es ist früher Nachmittag an diesem sonnigen Tag in der Pfalz, in den USA ist es sechs Stunden früher. Die Morning-Shows laufen. Es gibt Krieg zum Frühstück. Und ein kleiner Ort in der Pfalz ist einer der Schauplätze.

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