Deutschland ist Schlusslicht: Der Aufsichtsrat macht Sorgen

Deutschland ist Schlusslicht
Der Aufsichtsrat macht Sorgen

Bei der Corporate Governance, der wirksamen Unternehmensaufsicht, ist Deutschland 2002 im internationalen Vergleich zurückgefallen, meint die Personalberatung Heidrick & Struggles - und das im Jahr der Verkündung des Corporate-Governance-Kodex, der für Besserung sorgen sollte.

Es ist kein Ergebnis, mit dem sich Deutschlands Dax-Unternehmen schmücken können: In Sachen transparente und verantwortliche Unternehmensführung sind sie einer Untersuchung des Executive-Research-Unternehmens Heidrick & Struggles zufolge in den letzten zwei Jahren auf den viertletzten Platz in Europa abgerutscht. Europas Spitzenreiter in Sachen Corporate Governance ist nach wie vor Großbritannien, gefolgt von den Niederlanden und Frankreich. Deutschland - 2001 immerhin noch an fünfter Stelle - bildet zusammen mit Portugal, Spanien und Italien das Schlusslicht.

Klangvolle Namen, persönliche Beziehungen, gute Verbindungen - nach diesen Kriterien suchten sich Deutschlands Vorstandsriegen häufig ihre Aufsichtsräte. Doch spätestens seit den Zusammenbrüchen von Enron und Worldcom in den USA und hiesigen Skandalpleiten wie EM.TV, Phenomdia oder Comroad stellte sich auch hierzulande die Frage nach der Qualitätskontrolle der Unternehmensaufseher. Diese Kontrolle durch Standards für eine verantwortungsvolle Unternehmensführung zu ermöglichen ist das Ziel der Corporate Governance.

Doch getan hat sich in Deutschland nicht genug, konstatieren die Studienautoren. Mangelnde Internationalität und außergewöhnliche Größe der Aufsichtsgremien sowie unzureichende Transparenz haben zu diesem ernüchternden Ergebnis geführt. "Deutschlands Aufsichtsgremien: einfach unzeitgemäß?" lautet die rhetorische Frage der Autoren, die Zusammensetzung und Arbeitsweise der Aufsichtsstellen der größten europäischen Aktiengesellschaften untersucht haben.

Sie bemängeln, dass sich deutsche Unternehmensaufseher im europäischen Vergleich zu selten in Fachausschüssen organisieren, die eine inhaltlich tiefere Aufsichtsarbeit ermöglichen würden. Zudem kritisieren sie die Mitbestimmung von Arbeitnehmervertretern in den Aufsichtsräten. Dem hier gesetzlich festgelegten Anteil an Arbeitnehmervertretern von 50 Prozent stehen in Europa durchschnittlich 11 Prozent gegenüber. Florian Schilling, Senior Partner bei Heidrick & Struggles: "Die vorgegebene Struktur ist das größte Handicap. Wir haben zu große Aufsichtsräte, die sich zu selten treffen."

Die durchschnittlich 18 Aufsichtsratsmitglieder eines deutschen Dax 30-Unternehmens tagen vier bis fünf Mal im Jahr, während sich die durchschnittlich acht Aufsichtsratsmitglieder in England acht Mal jährlich treffen. "Diese Zahlen sind ein Indikator dafür, wie intensiv der Kontakt des einzelnen Aufsichtsrats zum Management sein kann", betont Schilling. Zudem verhinderte der hohe Anteil der Arbeitnehmervertreter oft eine Internationalisierung der Aufsichtsräte, weil deutsch als Sitzungssprache häufig fest geschrieben sei.

Die harsche Wertung der Berater kommt für viele Experten, die sich in Deutschland mit transparenter Unternehmensführung beschäftigen, überraschend. 2002 galt eigentlich ein gutes Jahr für das Thema: Die vom Thyssen Krupp-Vorstandstandsvorsitzenden Gerhard Cromme geführte Regierungskommission verabschiedete den Deutschen Corporate Governance Kodex. "Das Bild, das die Studie zeichnet, ist nicht zutreffend", kritisiert deshalb ein Mitglied der Cromme-Kommission, der Betriebswirt Professor Axel von Werder von der Technischen Universität Berlin. "In der fast 100 Jahre alten Diskussion um die Rolle des Aufsichtsrats ist der Kodex ein wichtiger Schritt, der die Diskussion intensiviert und eine Checkliste zum Abarbeiten vorgelegt hat."

Diese Liste enthält 60 Punkte, gegliedert in Vorschriften, Empfehlungen und Anregungen. Erstere geben Unternehmenspflichten wieder, die etwa im Wertpapiergesetz oder dem Transparenz- und Publizitätsgesetz definiert sind. Letztere - so die Idee, Aufsichtsräte mit einer Kombination aus Festgehalt und erfolgsabhängigen Tantiemen zu entlohnen oder ein Kontroll-Komitee als Schnittstelle zwischen Aufsichtsgremien und Wirtschaftsprüfern einzurichten - sind zwar nur Vorschläge. Doch Unternehmen, die sich nicht an Anregungen aus dem Kodex halten, müssen öffentlich benennen, welche sie nicht erfüllen. "Viele Punkte im Kodex sind ja nicht ganz neu, sondern finden sich etwa in den Regeln der Börsenzulassung wieder. Er hatte vor allem den Sinn, dass die, die sich noch nicht geäußert haben, in die Pflicht genommen werden", erklärt Martin Ziegenbalg, Zentralbereichsleiter Investor Relations der Deutsche Post World Net.

Dem Deutschen Aktieninstitut in Frankfurt zufolge ist der Kodex ein Erfolg: Der ganz überwiegende Teil der Unternehmen aus den Börsensegmenten Dax, MDax, Nemax und SMax hat die vorgeschriebenen Entsprechungserklärungen abgegeben und das Gros der Leitlinien akzeptiert. Einzig die Empfehlung, Aufsichtsratsgehälter detailliert aufzuschlüsseln, ist hierzulande unbeliebt: Unter den Dax 30-Unternehmen wollen nur Altana, Bayer, die Deutsche Bank, die Deutsche Börse und Thyssen-Krupp darlegen, wie viel jedes einzelne Vorstandsmitglied verdient.

Zwar gibt es auch einige wenige Kodex-Totalverweigerer. Doch sie gehören nicht zu den untersuchten Dax-Firmen. Es sind kleinere Gesellschaften wie der Druckindustrie-Zulieferer Technotrans oder der Netzwerk-Anbieter Pandatel. Auch die Geratherm Medical AG, hält nichts von der abzuarbeitenden Empfehlungsliste. "Sie ist auf börsennotierte Konzerne weit größeren Umfangs ausgerichtet und stellt für ein Unternehmen unserer Größenordnung eine erhebliche Zeit- und Kostenbelastung dar", schimpft der Vorstandsvorsitzende Dr. Gert M. Frank. Ihn ärgert unter anderen, dass Unternehmen ihre Kodex-Angaben im Bundesanzeiger veröffentlichen müssen. Kostenpunkt pro Seite im Blatt des Deutsche Justizministeriums: 15 000 Euro. Der Kodex sei ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und andere Beteiligte. "Unsere Mitgliedschaft im Prime Standard beinhaltet schließlich bereits die Befolgung der höchsten Standards der Deutschen Börse", sagt Frank.

Doch trotz solcher Fälle steht fest: Nach der Veröffentlichung des Kodex hat sich jedes deutsche Unternehmen in ein oder anderer Weise dazu verhalten und dadurch die Transparenz in Sachen Unternehmensführung gesteigert. Diese Entwicklung sehen Kritiker in der Studie von Heidrick & Struggles nicht ausreichend gewürdigt. Auch die Möglichkeit, anhand von Best Practice-Beispielen den eigenen Ist-Zustand zu analysieren, hätte vielen Unternehmen geholfen, in Sachen Corporate Governance wesentliche Fortschritte zu erzielen, erklärt Professor von Werder. Und: "Derartige Studien berücksichtigen nicht, was zukünftig gemacht wird. Viele Unternehmen haben beispielsweise angekündigt, ihre Satzungen an bestimmte Empfehlungen anzupassen. Dazu brauchen sie Zeit."

Beispiel Degussa AG: Weil der konzerngebundene Spezialchemiehersteller gerade vom alten Mehrheitseigener E.On in die Verantwortung des Neueigentümers Ruhrgas AG überführt wird, gibt es noch keine abschließende Regelung für die im Kodex geforderte Haftungsverpflichtung für Aufsichtsrat und Vorstand. "Wir prüfen gerade, ob wir in diesem Bereich nachbessern müssen", betont Mathias Caspari, Leiter der Abteilung Corporate Governance bei der Degussa AG. "Wenn aber ein Unternehmen bis jetzt noch keinen Vollzug melden konnte, wird das in derartigen Vergleichen als schlechte Corporate Governance verbucht", kritisiert Professor von Werder.

Auch Studienautor Schilling räumt ein, dass die Cromme-Kommission in Deutschland wichtige Impulse zur Entwicklung guter Corporate Governance gegeben hat. Dementsprechend steigerte auch die Republik ihre Gesamtpunktzahl im Vergleich zur letzten Untersuchung vor zwei Jahren um 15 Prozent. Er gibt aber ebenfalls Folgendes zu bedenken: "Im Vergleich mit der Entwicklung in vielen anderen Ländern sind wir dennoch relativ zurück gefallen. Denn der Rest Europas hat sich noch schneller verbessert."

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