Deutschland ist stark von Importen abhängig
Energie: Versorgungsrisiken nehmen zu

Deutschland wird immer mehr von Energieimporten abhängig. Die Einfuhrquote könnte von heute 60 % auf 75 % bis zum Jahr 2020 steigen.

KÖLN. Es sei sehr risikoträchtig, bei der internationalen Energieversorgung "Schönwetter-Szenarien künftiger Globalisierungsprozesse" zu unterstellen, warnt der Kölner Ökonomieprofessor C. Christian von Weizsäcker. Der Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) an der Universität Köln stellte anlässlich der EWI-Jahrestagung fest: "Energieversorgungssicherheit muss auch für den Fall gegeben sein, dass die Weltpolitik sich nicht mehr auf die Stabilität schaffende Rolle des Weltpolizisten USA verlassen kann oder verlassen will." Zudem müssten Antworten auf Kartellierungstendenzen der Öl- und Gasanbieter gefunden werden.

Von Weizsäcker lehnt hierbei protektionistische Interventionen, also Abschottungen nationaler Energiemärkte, ab. Stattdessen sollten die Versorgungsrisiken offensiv durch Investitionen deutscher Energieunternehmen im Ausland angegangen werden. Der Energieexperte wirbt vor allem für ein verstärktes Kapitalengagement durch die deutsche Gaswirtschaft in Russland. Erdgas sei angesichts der Klimaverträglichkeit und der Marktreife noch die relativ günstigste Alternative für den politisch diskriminierten Kernkraftstrom, so von Weizsäcker.

Für Bundeswirtschaftsminister Werner Müller besteht die zentrale energiepolitische Herausforderung darin, solche Voraussetzungen und Rahmendaten staatlicherseits zu schaffen, dass Deutschland den Zugang zu einer "bezahlbaren Energie" behält, "auf die wir uns verlassen können und die uns und auch der Wirtschaft Luft zum Atmen lässt". Müller sagte anlässlich der EWI-Veranstaltung in Köln: "Die Europäische Kommission will die Strom- und Gasmärkte mit dirigistischen Mitteln öffnen. Wir setzen dagegen auf die marktkonformeren Selbstverpflichtungen der Verbände zur Öffnung der Energienetze."

Kommissionsrichtlinie ein Arbeitskiller

Im Verordnungsentwurf der Kommission zum europaweiten Stromhandel fehlten bei den Tarifregeln Anreize für langfristig notwendige Netzinvestitionen. Der Bundeswirtschaftsminister gegenüber dem Handelsblatt: "Hier sehe ich ernste Gefahren für die Energieversorgungssicherheit." Ziel müsse die dezentrale, verbrauchsnahe Energieerzeugung sein; Brüssels ehrgeizige quantitative Vorgaben für eine Expansion des EU-Stromhandels gingen zu Lasten des Energiestandorts Deutschland. Und für Müller kommt gleichfalls kein Ausstieg aus der deutschen Kohle in Frage. Die Aufgabe dieser heimischen Energiebasis würde "unsere Versorgung gefährlich auf die beiden Energieträger Öl und Gas verengen", so sein Resümee. Die Richtlinie der Kommission zum CO2-Emissionshandel sei "planwirtschaftliche Reinkultur und Arbeitskiller" in der deutschen Energieproduktion.

Für den Fall einer einigermaßen ausgewogenen Diversifizierung der Quellen für die Weltenergieversorgung zeigten sich die Experten bei der Tagung optimistisch, dass dramatische Verknappungen und Preissteigerungen vermieden werden können. Der Vorstandsvorsitzende der BASF-Tochter Wintershall, Reinier Zwitscherloot, geht davon aus, dass die Ölpreise, Leitsignal für die Weltenergiemärkte, in einem Korridor zwischen 10 und 30 $ je Barrel (159 l) mit starken Volatilitäten pendeln könnten. Dabei stellt die 20 $- Marke eine realistische Trendgröße dar. Die marginalen Non-Opec-Kosten liegen laut Zwitscherloot bei 15 $/b. Der Wintershall-Chef konkretisierte anlässlich der Bilanzpressekonferenz, für 2002 rechne er mit einem durchschnittlichen Rohölpreis von 17 $. In dem gegenwärtigen Preis seien eine "Kriegsprämie Irak" und die Erwartung einer wirtschaftlichen Erholung eingerechnet.

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