Deutschland kann sich weltweitem Stellenabbau auf Dauer nicht entziehen
Analyse: Schonzeit für Investmentbanker läuft ab

Lange Zeit war Deutschland eine Insel der Seligen im Investmentbanking. Während es in der Finanzmetropole London zu einer Entlassungswelle kam, änderte sich hier zu Lande wenig. Kleinere Anpassungen ja, ansonsten blieb alles beim Alten. Die Banken setzten auf die Zukunftsaussichten. Und die sind (noch) golden im Investmentbanking. Doch die Schonzeit in Deutschland geht zu Ende.

DÜSSELDORF. Noch wird nicht aufgeräumt; noch gibt es keinen massiven Personalabbau; allerdings werden die Kapazitäten nun auch hier zu Lande angepasst. Die Entlassungen bei Lehman Brothers und bei Dresdner Kleinwort Wasserstein sind Beispiele hierfür. Dass Deutschland bislang glimpflich davongekommen ist, liegt am Zukunftspotenzial im Entwicklungsland des Investmentbanking. Die Institute erwarten angesichts des Aufbrechens der Deutschland AG, des Aufbaus der privaten Altersvorsorge sowie einer sich trotz aller Rückschläge entwickelnden Aktienkultur und des verstärkten Unternehmensfokusses auf ein steigendes Aktionärsvermögen einen Milliarden-Markt.

Deutschland ist der Schlüssel zum Investmentbanking in Europa. Darin sind sich alle Banken weltweit einig. Allerdings: Hoffnung und Erwartung sind eines, die Realität aber etwas anderes. Mit Blick auf eine rosige Zukunft stehen die Institute durchaus Durststrecken von einem, zwei oder sogar drei Jahren durch, ohne massiv Leute zu entlassen. Doch dann müssen die Provisionseinnahmen kräftig fließen. Länger lässt sich das Durchhalten vor den Aktionären nicht rechtfertigen.

Das gilt umso mehr, da die Investmentbanker als Elite der Banker gelten und entsprechend bezahlt werden. Auch wenn die Boni zuletzt in vielen Fällen um die Hälfte und mehr gekürzt wurden, bleibt es Fakt, dass etwa die Hälfte der Kosten in diesem Bereich beim Personal anfällt. Da schmerzt umso mehr, wenn die Provisionseinnahmen um 50 Prozent fallen, wie das im ersten Quartal des laufenden Jahres im Vergleich zum Superjahr 2000 der Fall war. Bei Aktienemissionen geht zurzeit praktisch nichts mehr. Das Anleiheemissionsgeschäft hat nachgelassen, und der Wertpapierhandel wirft auch nicht mehr die Erträge vergangener Jahre ab. Das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen läuft nicht übel, wenngleich so manche Transaktion angesichts der Baisse an den Aktienmärkten zurückgestellt wird.

Ein Vorteil Deutschlands war es bisher, dass sich das Investmentbanking im Aufbau befand, als die Krise begann. Der Personalbestand war noch nicht auf dem gewünschten Level. Zudem verhindert das Kündigungsrecht in Deutschland eine "Hire and fire"-Politik, wie sie in angelsächsischen Ländern gang und gäbe ist. In England können Banker beispielsweise in Monatsfrist entlassen und neue Teams durchaus in acht bis zehn Wochen aufgebaut werden. Anders in Deutschland: Hier beträgt schon allein die Kündigungsfrist in der Regel drei bis sechs Monate.

Trotz allem: Die Käseglocke, die über Deutschland liegt, zeigt Risse. Nur wenn die Konjunktur wieder anspringt und die Börsen erneut besser laufen, können tiefere Einschnitte verhindert werden. Doch eine derartige Vorhersage kann derzeit niemand seriös treffen. Da bleiben nur Hoffen und Bangen.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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