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Deutschland steigt in den Wettbewerb auf dem Gasmarkt ein

Nach der Strom-Liberalisierung steigt Deutschland auch in den Wettbewerb auf dem Gasmarkt ein. Die Verbände der Gaswirtschaft, der Industrie und der Kommunen unterzeichneten am Dienstag in Berlin eine Verbändevereinbarung, mit der wichtige Regelungen festgezurrt wurden.

adx BERLIN. Ihre Basis ist der frei auszuhandelnde Netzzugang für Dritte und ein dreistufiges Entgeltsystem für die Netznutzung. Dieses Papier war "eine schwere Geburt", sollte ursprünglich schon früher vorliegen und hat noch Mängel und Lücken. Die beteiligten Verbände und Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) sprachen deshalb auch von der ersten Verbändevereinbarung für Gas (VV Gas I). Sie erfüllt zwar de facto die EU-Auflagen, die Brüssel in seiner Gasrichtlinie als Mindestnormen gesetzt hat, ist aber keine Marktöffnung in einem Schritt. Zunächst werden nur die industriellen Großkunden davon profitieren. Der private Verbraucher und das Gewerbe kommen erst ab 1. Januar 2002 zum Zuge.

Minister Müller begrüßte deshalb zwar die Übereinkunft als wichtigen Schritt auf dem Weg zu mehr Wettbewerb auf dem deutschen Gasmarkt, listete aber zugleich etliche Punkte auf, in denen die erste Verbändevereinbarung nachgebessert werden muss. Sie hat auch nur eine Laufzeit bis zum 30. September 2001. Bis dahin muss die VV Gas II vorliegen, damit sie dann auch pünktlich zu Jahresbeginn 2002 in Kraft treten kann. Die Liste der Themen, über die deshalb die beteiligten Verbände zügig weiterverhandeln müssen, enthält etliche Punkte. Ganz oben stehen für Müller Maßnahmen, damit auch Haushalts- und Kleingewerbekunden einbezogen werden können. Außerdem geht es um die Weiterentwicklung und Vereinfachung des Netzzugangs und der Entgeltmodelle, um den kommerziellen Zugang zu Erdgasspeichern, um Regelungen zur Unterstützung der Börsenfähigkeit des Erdgashandels und das Management bei möglichen Lieferengpässen.

Zur künftigen Preisentwicklung bei Erdgas war nur wenig Konkretes zu hören. Einigkeit bestand aber darin, dass der Wettbewerb sich "ganz anders" als beim Strom zutragen wird und die Margen im Ferngashandel gering sind. Während sich Strom vor Ort aus mehreren Energiequellen herstellen lässt, ist Erdgas ein Naturprodukt. Es muss überwiegend über große Strecken auf der Basis langfristiger Verträge herangeführt werden. Strom wird außerdem in Deutschland von einer Vielzahl von Produzenten erzeugt. Erdgas wird dagegen von einem Produzenten-Oligopol angeboten. So bezieht Deutschland rund 80 % der jährlich verkauften Gasmenge aus Russland, Norwegen und den Niederlanden. Die Zahl der Erdgas-Importeure in Deutschland reduziert sich auf acht Unternehmen, die der Weiterverkäufer auf etwa 650. Der Wettbewerb wird sich also im Wesentlichen nur auf der Handels- und Vertriebsebene zutragen.

Während es bei Strom auf dem deutschen Markt Überkapazitäten gibt, sind "frei verfügbare" Kapazitäten beim Erdgas kurzfristig nur in begrenztem Umfang vorhanden. Hinzu kommt, dass die Ergaslieferpreise sich an den Mineralölpreisen orientieren. Mit einigen Monaten Zeitverzögerung folgen die Erdgaspreise - wenn auch abgeschwächt - den Ölpreisen. Die Preisgestaltung beim Erdgas ist also anders als beim Strom und wird es wohl auch bleiben. Die Regelung der so genannten Ölpreisbildung hat sich aus der Sicht der Gaswirtschaft nämlich auch im Interesse der Kunden bewährt. Erdgaspreise blieben dadurch im Vergleich zum Öl wettbewerbsfähig und von jähen Preisausschlägen verschont.

Niedrigere Energiekosten schaffen Arbeitsplätze

Dennoch werden die Erdgaspreise im Gesamttrend sinken, wenn auch nicht so stark wie beim Strom. Die deutschen Erdgasverkäufer sind durch den Wettbewerb zur Kostenreduzierung gezwungen. Dies hat freilich auch negative Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze. Erste Expertenschätzungen sprachen noch von rund 6.000 Stellen, die auf der Kippe stehen. Der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Gas- und Kraftwirtschaft, Ulrich Hartmann, goss bei der Präsentation VV Gas I einen bitteren Tropfen in den Freudenbecher, dass Deutschland es nun mit dem Wettbewerb im Gasbereich ernst macht. Hartmann sprach davon, dass von den noch 60.000 Branchenmitarbeitern bis zu 20.000 ihren Arbeitsplatz verlieren könnten.

Die Gegenrechnung lautet, dass niedrigere Energiekosten - besonders bei energieintensiven Branchen - auch Voraussetzungen für mehr Arbeitsplätze schaffen. Wie also die gesamtwirtschaftliche Arbeitskräftebilanz nach der Liberalisierung des Erdgasmarktes aussehen wird, muss die Zukunft zeigen.

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