Deutschland verpasst vierten Titelgewinn
Ronaldo entzaubert Kahn

Am Ende eines verblüffenden Weges wartete auf die deutsche Mannschaft nicht das Wunder von Yokohama. Brasilien war zu stark und Kahn erstmals schwach.

Der Traum vom vierten Weltmeistertitel endete im Regen von Yokohama. Deutschlands Nationalelf verlor gestern das Finale gegen Brasilien mit 0:2 (0:0), wurde ihrer Außenseiterrolle trotz ordentlicher Leistung gerecht und verpasste die Sensation. Die beiden Tore des Abends gingen auf das Konto von Superstar Ronaldo, der im siebten WM-Spiel seine Treffer sieben und acht erzielte. Dass der erste ausgerechnet durch einen Patzers des wochenlang überragenden Torhüters Oliver Kahn zu Stande kam, der einen Schuss von Rivaldo auf nassem Rasen abprallen ließ, gab dem Fußballabend eine besondere Note.

Eine ganz bittere vor allem aus Sicht des Münchners, der sich quasi den ersten Fehler beim sportlichen Großereignis in Asien erlaubte und auf Anhieb mit der Höchststrafe belegt wurde. Derweil feierten die Südamerikaner sich selbst: Sieben Siege in sieben Spielen und Torschützenkönig Ronaldo waren unterm Strich dafür verantwortlich, dass der fünfte Titelgewinn der "Selecao" verdient zur Realität wurde.

Auch die Tageszeitung "The Daily Yomiuri" durfte sich freuen, hatte sie doch mit der Titelgestaltung ihres Finalspecials richtig gelegen. Zwei riesige Fotos von Kahn und Ronaldo zierten die erste Seite, die Reduzierung des Endspiels auf dieses Duell traf den Kern des Geschehens. Wobei es anfangs sehr wohl Indizien dafür gab, dass der Keeper die Auseinandersetzung für sich entscheiden könnte. Dreimal tauchte Ronaldo schon vor dem Halbzeitpfiff vor Kahn auf, ohne erfolgreich abschließen zu können.

Zunächst hatte sich das Endspiel allerdings nur zaghaft zu einem WM-würdigen Finale entwickelt. Beide Seiten agierten ängstlich, bis die Brasilianer langsam merkten, dass gegen diese Deutschen mehr Mut durchaus angebracht ist. Die letzten fünf Minuten vor der Pause gerieten dann zur reinen Zitterpartie für die DFB-Elf. Kleberson schoss knapp vorbei, traf dann mit einem Schlenzer die Latte und schließlich scheiterte Ronaldo bei seiner besten Möglichkeit an - natürlich Kahn.

Im Laufe der ersten 45 Minuten gab es durchaus auch Offensivbemühungen der Mannschaft von Rudi Völler. Die Brasilianer wirkten bei fast jeder Flanke unsicher, was aber dennoch keine ernsthaften Chancen zur Folge hatte. Das sprach nicht für die Deutschen, die in der Halbzeitstatistik nicht zum ersten Mal bei dieser WM mit null Torschüssen gelistet wurden. Dafür führten sie uneinholbar bei den freilich nicht ermittelten Rückpässen. Mit unzähligen Zuspielen auf Kahn forderten sie die Pfiffe der 69 000 Zuschauer heraus, die diese Form der finalen Anti-Unterhaltung nicht sehen wollten.

Dass es anders geht, zeigte die deutsche Mannschaft dann unmittelbar nach Wiederanpfiff. Jens Jeremies hatte die Führung zunächst auf dem Kopf, kurz danach traf Oliver Neuville bei einem Freistoß sogar den Pfosten. Na bitte, dachten insbesondere die neutralen Beobachter, die einfach nur ein besseres Fußballspiel sehen wollten. Endlich regnete es nun auch Strafraumszenen, was automatisch für eine bessere Stimmung im eher nüchternen International Stadium sorgte. Dazu trug auch Edmilson bei, der lange Probleme hatte, nach einer Zerreißprobe ein neues, mehrlagiges Trikot überzustreifen. Hersteller Nike sollte sich über die Handlichkeit Gedanken machen.

Gedankenschnell war dann Ronaldo zur Stelle, als der Kahn-Fehler zum Abstauber einlud (67.). Ausgelöst wurde die Szene durch den ansonsten überzeugenden Dietmar Hamann, der kurz vor dem eigenen Strafraum leichtfertig den Ball vertändelte. Mit dem ersten Treffer war der Bann gebrochen, zumal der technisch überlegene Favorit genüsslich mit dem vergrößerten Raumangebot umzugehen wusste. Die DFB-Auswahl riskierte mehr und musste wenig später den zweiten Treffer hinnehmen. Kleberson passte in die Mitte, Rivaldo ließ für Ronaldo passieren und der schob zur Entscheidung ein (79.).

Der erste Vergleich der Deutschen bei dieser WM mit einem Kontrahenten, der in der Weltrangliste höher platziert ist, endete mit der ersten Niederlage. Nach mehreren Kraftakten und dem nötigen Glück reichte diesmal auch das gewachsene Selbstvertrauen nicht mehr, um Brasilien vom Triumph abzubringen. Am Ende blieb nur die ernüchternde Erkenntnis, dass man sich einen fehlerhaften Kahn in einem solchen Spiel nicht erlauben kann. Dabei war es gerade der Keeper gewesen, der immer vom großen Titeltraum gesprochen hatte. Fatal, dass er ihm selbst ein Ende setzte.

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