Deutschland verspielt Tabellenführung
Blamage gegen Litauen

Vize-Weltmeister Deutschland hat sich mit einem armseligen 1:1 (1:0) gegen Fußball-Zwerg Litauen blamiert und die Tabellenführung in der EM-Qualifikationsgruppe fünf an Schottland verspielt. Nach einer desolaten Vorstellung vor 40 754 enttäuschten Zuschauer in Nürnberg ist für die Mannschaft von Teamchef Rudi Völler die Direkt-Qualifikation für die EM-Endrunde 2004 in Portugal in Gefahr geraten.

HB/dpa NÜRNBERG. Zwar bescherte Carsten Ramelow der deutschen Elf mit seinem ersten Länderspiel-Tor in der 8. Minute die erhoffte frühe Führung. Doch die anschließend über weite Strecken trostlose Darbietung des Favoriten bestrafte der ersatzgeschwächt angetretene Weltranglisten-104. mit dem Ausgleich durch Tomas Razanauskas in der 73. Minute.

Erst danach setzte das deutsche Team zu einem Sturmlauf an, der aber nichts mehr einbrachte. Damit kommt es am 7. Juni in Glasgow zum möglicherweise vorentscheidenden Duell gegen das punktgleiche Schottland. Die vom ehemaligen Bundestrainer Berti Vogts bereuten "Bravehearts" können allerdings am Mittwoch mit einem Sieg in Litauen die Tabellenführung ausbauen.

"Das tut weh. Wir haben zwei wichtige Punkte eingebüßt, aber noch ist nichts verloren", sagte Völler und führte die Punktverluste treffend auf die mangelhafte Einstellung in seinem Team zurück. "Nach dem 1:0 hat man gedacht, dass es mit geringerem Auwand auch geht. Da waren wir schludrig, wollten mit weniger Laufbereitschaft den Gegner an die Wand spielen. Aber damit hat man Litauen stark gemacht", urteilte Völler und sprach von einem "Schuss vor den Bug". DFB - Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder nannte den Einbruch in der deutschen Mannschaft "unerklärlich", Thomas Schneider gestand ein: "Im Endeffekt haben wir uns das selbst anzukreiden."

Entgegen seiner ursprünglichen Ankündigung berief Völler Torsten Frings nicht für den verletzten Michael Ballack ins zentrale Mittelfeld, sondern vertraute zunächst auf das seit der Weltmeisterschaft bewährte 4-4-2-System. Frings kümmerte sich als rechtes Mitglied der Viererkette gemeinsam mit Bernd Schneider um die rechte Flanke, und auch die Gegenseite besetzte der Teamchef mit den Linksfüßer Jörg Böhme und Tobias Rau doppelt.

Litauer schienen überrascht

Die Litauer schienen überrascht von Aufstellung und Ausrichtung der aus neun Vereinen zusammengesetzten deutschen Elf, die sehr druckvoll begann und sich gegen ein unsortiertes Gästeteam in den ersten zwölf Minuten vier gute Chancen erspielten. Die zweite nutzte Ramelow in seinem 36. Länderspiel zu seinem ersten Tor. Dabei bewies der Leverkusener nach einer sehenswerten Kombination über Frings, Schneider und Böhme bemerkenswerte technische Qualitäten, als er dem Schuss des Schalkers mit der Hacke die entscheidende Richtungsänderung ins Tor gab.

Als kurz darauf Fredi Bobic aus kurzer Entfernung übers Tor schoss und Frings mit seinem Kopfball am früheren Duisburger Torhüter Gintaras Stauce scheiterte, schien das 2:0 nur eine Frage der Zeit. Doch das deutsche Team hielt nur 20 Minuten lang Tempo und Linie, dann folgte ein Bruch im Spiel des Vize-Weltmeisters. Während sich die Litauer nun auf das deutsche Offensivspiel eingestellt hatten, mangelte es bei den Gastgebern mehr und mehr an Ideen und an der Laufbereitschaft.

Hinzu kamen Schlampereien im Abwehrverhalten, die in der 28. Minute fast zum Ausgleich geführt hätten. Der bemühte, aber taktisch unbedarfte Böhme ließ sich vom Mainzer Zweitliga-Spieler Igoris Marinas überlaufen, mit dessen Flanke wusste aber Saulius Mikalajunas frei vor Torhüter Oliver Kahn nichts anzufangen. Als sich Böhme kurz darauf noch wegen eines unnötigen Fouls die Gelbe Karte abholte, hatte er seinen Kredit bei Völler offensichtlich aufgebraucht. Der Teamchef beließ ihn in der Kabine, schickte stattdessen Marko Rehmer ins Rennen. Der Berliner übernahm fortan die rechte Seite, während Frings nun im zentralen Mittelfeld die Fäden ziehen sollte.

Die taktischen und personellen Umstellungen brachten allerdings nicht den gewünschten Erfolg. In der Offensive blieb es bei wenigen Ansätzen, die Abwehr blieb anfällig. In der 71. Minute verhinderte Arne Friedrich im letzten Moment gegen Darius Maciulevicius den Ausgleich, zwei Minuten später aber fiel dann doch das 1:1. Razanauskas spielte den Wolfsburger Youngster Rau, der sein zweites Länderspiel in denkwürdiger Erinnerung behalten wird, wie einen Anfänger im Strafraum aus und ließ Kahn keine Chance. Eine Minute zuvor hatte der spanische Schiedsrichter Victor Torres einen Treffer von Schneider nicht anerkannt, weil beim Zuspiel von Bobic der Ball die Torauslinie knapp überschritten haben soll. TV-Bilder belegten aber das Gegenteil.

Erst nach dem 1:1 erwachte das deutsche Team aus der langen Lethargie und kam auch prompt zu Chancen, doch Klose (79.) und Frings (82.) scheiterten an Stauce. Auch die fünfminütige Nachspielzeit und das Debüt des eingewechselten Kevin Kuranyi änderten das Blatt nicht mehr zu Gunsten der deutschen Elf, die mit gellenden Pfiffen verabschiedet wurde.

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