Deutschland vor der Wahl
Wahl stellt CSU vor Dilemma

Je stärker die Union wenige Tage vor der Bundestagswahl hinter SPD und Grünen zurückfällt, desto größer dürfte der eine oder andere in der CSU heimlich aufatmen.

Reuters MÜNCHEN. Denn ein Wahlsieg von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) wäre für die Partei mit Komplikationen verbunden: Ein Bundeskanzler Stoiber müsste harte Reformen am Arbeitsmarkt durchsetzen, die die eigenen Anhänger in Bayern verärgern könnten, heißt es in der Partei und bei Experten. Aber auch eine Wahlniederlage macht das Leben für die CSU nicht viel leichter.

CSU-Landtagsfraktionschef Alois Glück betont, "eine der schwierigsten Wegstrecken" werde es sein, bei einem Wahlsieg der Union den Spagat zwischen Berlin und München zu schaffen. Stoibers zu erwartende schwierige Eröffnungsbilanz als Kanzler mit vier Mill. Arbeitslosen werde dies nicht leicht machen.

"Stoiber müsste gleich am Anfang schmerzhafte Reformen durchsetzen, wenn er etwas durchsetzen will", heißt es in der Partei. Doch mit solchen "Grausamkeiten" könne man sich ein Jahr vor der Landtagswahl bei den eigenen Anhängern unbeliebt machen, zumal die Ausgangslage nicht ideal ist: Auch wenn die CSU bei Umfragen stabil über 50 % liegt, zieht die Rezession auch an dem Musterland Bayern nicht spurlos vorbei. Der Freistaat hat zwar noch mit Baden-Württemberg die niedrigste Arbeitslosenquote, verzeichnet seit zehn Monaten aber den bundesweit stärksten Anstieg der Zahl der Arbeitslosen.

Absolute Mehrheit der CSU in Bayern gefährdet?

Bei einer Wahlniederlage drohe der CSU ein Verlust der absoluten Mehrheit bei den Landtagswahlen, sagt Werner Weidenfeld, Politik-Professor an der Universität München. "Der Erfolg der CSU basiert auf ihrer latenten Distanz zur Bundeshauptstadt." Unter einem Kanzler Stoiber könnte die CSU diesen Kurs aber nicht mehr fahren. Als geringeres Problem sieht Weidenfeld die bei einem Wahlsieg anstehende Nachfolge für das Amt des Ministerpräsidenten, wofür mit Innenminister Günther Beckstein, Staatskanzleichef Erwin Huber und Glück drei Kandidaten zur Verfügung stehen. Die CSU habe Personalfragen immer geräuschlos intern geklärt, sagt der Direktor des Centrums für Angewandte Politikforschung.

Merkel verbessert bei Niederlage Machtposition

Auch eine Wahlniederlage ist für die CSU nicht ohne Komplikationen verbunden. Auf bundespolitischer Ebene werde sich das Gleichgewicht zugunsten der CDU verschieben, weil Stoibers Siegerimage ein wenig verblassen würde, sagt der Passauer Politik-Professor Heinrich Oberreuter. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel werde dann ihre Position gegenüber dem CSU-Chef Stoiber verbessern.

In Bayern selbst dürfte eine Niederlage die Stellung Stoibers nach Angaben aus der Partei nicht gefährden. "Der eine oder andere Besserwisser wird sich zu Wort melden und die Kanzlerkandidatur kritisieren", heißt es in der Landtagsfraktion. Insgesamt würden die Wähler aber in einer Trotzreaktion Stoiber bei der Landtagswahl wiederwählen, sagt Weidenfeld. Auch Oskar Lafontaine und Johannes Rau wurden nach ihren gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaturen in ihren Heimatländern Saarland und Nordrhein-Westfalen mit deutlicher Mehrheit wiedergewählt.

Wahlforscher verweisen aber darauf, dass sich Stoiber bei einer Rückkehr nach Bayern einen Imagewechsel verpassen müsste. Stoibers "Glättung" zum Kandidaten der Mitte sei für den Bundestagswahlkampf wichtig gewesen, sagte Manfred Güllner, Chef des Berliner Forsa-Instituts. Die eigenen Wähler in Bayern wollten aber ihren "alten" Ministerpräsidenten mit allen Ecken und Kanten zurück.

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