Deutschlands Banken in Turbulenzen
Analyse: Viele Kreditinstitute haben allzu lange über ihre Verhältnisse gelebt

Die vornehme Diskretion, die das Bankgeschäft über Generationen geprägt hat, ist verflogen. Zwischen den Frankfurter Geldhäusern fliegen ebenso die Fetzen wie intern hinter den Fassaden. Selten zuvor ging es in der Bankenwelt so turbulent zu wie in diesen Tagen und Wochen.

Schmidt-Bank in Schieflage, Bankgesellschaft Berlin mit immer neuen Milliardenlöchern, das genossenschaftliche Spitzeninstitut DZ-Bank nach der Fusion in der Krise, Commerzbank in roten Zahlen - das sind nur vier aktuelle Beispiele dafür, dass in der Kreditwirtschaft Pleiten, Pech und Pannen inzwischen zum Alltag gehören. Der alte Spruch, dass Banken in jeder Lebenslage buchstäblich zu den Gewinnern zählen, stimmt nicht mehr. Auch die Schülerweisheit, wonach ein Bankangestellter einen mindestens ebenso sicheren Lebensarbeitsplatz habe wie ein Finanzbeamter, ist überholt.

Was ist los in der Geldbranche? Die allgemeine Wirtschafts- und Börsenflaute fördert, ähnlich wie bei Autoherstellern und Pharmakonzernen, diejenigen Institute zu Tage, die in den fetten Jahren zu schlecht gewirtschaftet, zu hohe Risiken aufgehäuft und allzu große Kostenblöcke aufgebaut haben. Vielen Banken ging es, etwa wegen der außergewöhnlichen Börsenentwicklung bis März 2000, lange Zeit offenbar viel zu gut. Manches Geldhaus lebte schlicht über seine Verhältnisse.

Die anhaltende Krise und der gnadenlos zunehmende Wettbewerb zwingen die Banker jetzt zum Handeln: Die Kosten werden drastisch gesenkt, die Mitarbeiterstellen zu Tausenden abgebaut. Die Strukturen - etwa das Filialnetz - werden auf das bezahlbare Maß zurückgestutzt. Selbst Tabus fallen: Die Verschmelzung der Hypothekenbanken, die kürzlich Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank bekannt gegeben haben, war lange Zeit in der Diskussion und ist jetzt endlich angepackt worden.

Das Tempo des Strukturwandels in der deutschen Finanzwirtschaft dürfte sich in den nächsten Monaten weiter beschleunigen. Ob die Bankenlandschaft in drei bis fünf Jahren noch wiederzuerkennen ist, darf bezweifelt werden. Der Konzentrationsprozess wird weitergehen. Die Zusammenarbeit in den drei Blöcken - dem öffentlich-rechtliche Sektor mit Sparkassen und Landesbanken, den Volks- und Raiffeisenbanken mit ihren genossenschaftlichen Spitzeninstituten sowie den Privatbanken - wird zunehmen. Auch die Grenzen zwischen den Blöcken werden sich verwischen. Ob es dabei eines Tages sogar zu Börsengängen von Volksbanken oder Sparkassen kommen könnte, wie das etwa in Italien bereits geschieht, ist offen. Aber möglich ist alles. Ein Wörtchen mitreden werden da sicher die Versicherer, die schon heute weite Teile der Banken kontrollieren.

In den nächsten Wochen wird sich das Interesse auf die Online-Broker konzentrieren. In der Hausse-Phase gehätschelt und hofiert, hängen die Verlust bringenden Direktbanken jetzt wie Blei am Rockschoß der Mütter: Die angeschlagene Schmidt-Bank im fränkischen Hof sucht Bewerber für die Tochter Consors. Die Commerzbank-Tochter Comdirect muss zwei ihrer Auslandsfilialen abstoßen. Der ätzende Tonfall zwischen der Münchener Hypo-Vereinsbank und ihrer Direktbank-Tochter DAB hört sich nach baldigen Struktur- und Personalentscheidungen an. Nebenbei reden oder redeten Consors, Comdirect und DAB über Kooperationen oder gar Fusionen, und alle drei werden als Übernahmekandidaten gehandelt.

Kaum besser stehen dabei die Internetaktivitäten von Deutscher und Dresdner Bank und der Sparkassen da - alle verschlingen viel Geld, müssen zur Abrundung des Vertriebs aber fortgesetzt werden. Sie sollten dennoch möglichst rasch auf Gewinnkurs getrimmt werden, obwohl die Mütter noch besser bei Kasse sind als andere.

Das zweite Schlachtfeld, auf dem sich dieser Tage die Banker-Prominenz tummelt, hat ebenfalls mit dem Vertrieb zu tun. Die Deutsche Bank hat der Dresdner die lukrative Kooperation mit dem Vermögensverwalter DVAG abgejagt. Damit eröffnet sich für die Deutsche-Bank-Fondstochter DWS ein neuer Vertriebsweg. Das ist im derzeit laufenden Kampf um die besser verdienenden Privatkunden ein wichtiger Punktgewinn für den Branchenprimus. Weitere mehr oder weniger elegante Versuche, den Marktanteil auszuweiten, dürften kaum auf sich warten lassen.

Viel bleibt zu tun, um die Banken zukunftsfähig zu machen. Als Ziele politischer Wünsche taugen sie daher nicht: Wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder fordert, der Mittelstand solle besser mit Krediten versorgt werden, so muss man ihm entgegenhalten, dass keine Bank etwas zu verschenken hat. Nur ein rendite- und risikobewusstes Geldhaus, das gute Gewinne macht, kann eine nachhaltige Rolle bei der Finanzierung des Mittelstands spielen. Auch Banken-Pleiten kosten Arbeitsplätze.

Der Strukturwandel wird sich in den nächsten Jahren noch beschleunigen.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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