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Deutschlands Schüler bei Pisa weiter ein Jahr zurück

Trotz leichter Verbesserungen liegen deutsche Schüler beim zweiten Pisa-Schultest mit ihrem Wissen weiterhin ein bis eineinhalb Schuljahre hinter der internationalen Spitzengruppe.

dpa BERLIN. Trotz leichter Verbesserungen liegen deutsche Schüler beim zweiten Pisa-Schultest mit ihrem Wissen weiterhin ein bis eineinhalb Schuljahre hinter der internationalen Spitzengruppe. Finnland, Hongkong, Kanada, Japan und Südkorea sind die klaren Sieger beim zweiten Pisa-Test, an dem über 250 000 Schüler aus 40 Nationen teilnahmen.

Deutschland rückt nach dem der dpa vorliegenden internen Bericht für die Kultusministerkonferenz in allen drei Testdisziplinen leicht auf und erreicht damit das Mittelfeld. Am überzeugendsten gelingt dies in Mathematik. Gleichzeitig hat sich aber die soziale Chancenungleichheit im deutschen Schulsystem erneut verschärft.

Im diesjährigen Untersuchungsschwerpunkt Mathematik und auch in den Naturwissenschaften legten vor allem die deutschen Gymnasiasten gegenüber dem ersten Test im Jahr 2000 zu, während die Hauptschüler gleich schwach blieben. Der Unterschied zwischen guten und schwachen Schülern sowie zwischen einzelnen Schulen hat sich damit weiter vergrößert und ist nur noch in der Türkei und in Belgien größer. Auch die in Deutschland ohnehin schon ausgeprägte Abhängigkeit von Bildungserfolg und familiärer Herkunft ist noch stärker geworden. Dies gilt besonders in den Teilgebieten, in denen es Leistungszuwächse gab.

Der internationale Pisa-Koordinator Andreas Schleicher sagte in einem dpa-Gespräch, Deutschland könne nur mit einer umfassenden Bildungsreform seine Schulprobleme lösen. Wenn es künftig das "ganze Potenzial, das in den jungen Menschen steckt", ausschöpfen wolle, dann sei dies nicht mit kleinen Korrekturen am bestehenden System zu erreichen. Mit dem gegliederten deutschen Schulsystem seien die Erfolge der Pisa-Siegerländer kaum zu erreichen.

Zu den vorab bekannt gewordenen Pisa-Teilergebnissen wollte sich Schleicher nicht äußern. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Oecd) und die Kultusministerkonferenz (KMK) wollen die Studie Anfang der Woche vorstellen.

Die Gewerkschaft Erziehung Wissenschaft (GEW) sieht in den leichten Leistungsverbesserungen "keinen Grund zur Entwarnung". Mit seinen Schulen spiele Deutschland weiter "in der zweiten Liga". Es sei ein "offenes Geheimnis, dass gerade an Gymnasien für den Pisa - Test fleißig trainiert und wohl auch verschärft ausgesiebt worden ist", sagte GEW-Vorstandsmitglied Marianne Demmer. Nach Aussage von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) kann es sich Deutschland nicht erlauben, alle Jahre wieder von Pisa bestätigt zu bekommen, "dass wir bei der Bildung im Mittelfeld stehen". Clement: "Wir müssen wieder auf einem der ersten drei Plätze in der Welt sein."

Als klarer Aufsteiger des zweiten Pisa-Tests gilt Polen, das sich nach einer umfassenden Schulreform von einem der letzten Plätze in der wichtigsten Basiskompetenz Lesen und Textverständnis an Deutschland vorbei ins obere Mittelfeld vorarbeiten konnte. Die internationale Überraschung ist Hongkong, das erstmals an Pisa teilnahm und gleich Sieger in Mathematik wurde.

In dem internen Pisa-Bericht für die Kultusminister bescheinigt der deutsche Pisa-Koordinator Manfred Prenzel der Bundesrepublik "eine sehr enge Koppelung" zwischen Bildungserfolg und Einkommen sowie Vorbildung der Eltern. Kinder reicher Familien hätten auch bei gleicher Begabung eine 5,7-mal größere Chance, "das Gymnasium anstelle einer Realschule zu besuchen", als Kinder aus der unteren Mittelschicht. Schlechte Noten in sozialer Förderung bekommen in Europa sonst noch Belgien und Ungarn. Gut jeder fünfte Schüler in Deutschland kann laut der neuen Pisa-Studie auch am Ende seiner Pflichtschulzeit allenfalls auf Grundschulniveau rechnen und selbst einfachste Texte nicht verstehen.

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