Devisenskandal bei Allied Irish Bank
AIB-Chef kommt mit blauem Auge davon

Der Report über die Hintergründe des größten Betrugsfalls seit Nick Leeson enthüllt: John Rusnak hat bei einer Tochtergesellschaft der größten irischen Bank über Jahre "hinterhältig und sehr clever" millionenschwere Devisenverluste kaschiert. Dabei hatte er es mit inkompetenten, unerfahrenen und faulen Kontrolleuren zu tun.

LONDON. Das oberste Management der Allied Irish Bank ist noch einmal davongekommen. Der millionenschwere Betrug von John Rusnak, eines Devisenhändlers der US-Tochter Allfirst, kostet keinen der Top-Manager den Job. Sowohl Chairman Lochlann Quinn als auch Chief Executive Michael Buckley hätten ihren Arbeitsplatz zur Disposition gestellt, teilte Allied mit. Beiden sprach die Bank jedoch das Vertrauen aus. Sogar die unter dem größten Druck stehende Susan Keating, Chief Executive von Allfirst, bleibt im Amt. Lediglich Allfirst-Chairman Frank Bramble und fünf weitere Mitarbeiter des mittleren Managements verlassen die Bank im Juni. Allied versprach, die Risikokontrolle zu verbessern.

Die begrenzten personellen Konsequenzen überraschten die Experten. Hatte doch die größte irische Bank am Donnerstag auch den unabhängigen Report über die Hintergründe des Verlustes von 691,2 Mill. $ (rd. 787 Mill. ) vorgelegt. Darin erscheint der größte Betrugsfall seit Nick Leesons millionenschweren Termingeschäfts-Verlusten Mitte der 90er Jahre als ein ebenso intelligenter wie ungewöhnlich dreister Akt. "Rusnak agierte hinterhältig und sehr clever", sagte denn auch Eugene Ludwig, der Autor des Reports.

Die Mischung aus laxen Kontrollen und schlecht ausgebildeten oder schlicht faulen Vorgesetzten hatte die Spekulation mit Währungen allerdings erst möglich gemacht. Seit 1997 hatten sich die Verluste angehäuft, auch wenn weit mehr als die Hälfte erst im vergangenen Jahr anfiel. Eine Absprache Rusnaks mit Mitarbeitern oder anderen Instituten schloss die Bank am Donnerstag auf Nachfrage aus.

Der 37-jährige Rusnak, der derzeit in seinem Haus in Baltimore unter Aufsicht amerikanischer Behörden steht, galt in der Bank als harter Arbeiter, jedoch mit einem an Arroganz grenzenden Selbstbewusstsein. Bei unerwünschten Fragen soll er überaus ruppig reagiert haben. Noch im Februar, als interne Kontrolleure das Gebilde der falschen Optionen und Luftgeschäfte erstmals richtig hinterfragten, drohte er mit der sofortigen Kündigung. Einmal rannte er sogar wutentbrannt aus der Bank und kam erst nach zehn Minuten wieder. Zu diesem Zeitpunkt war "Mister Mittel-Amerika" jedoch bereits am Ende.

1993 war Rusnak zur Allfirst-Bank gekommen und hatte dort unter einem Vorgesetzten gearbeitet, der sich im Währungsgeschäft zwar nicht auskannte, ihn aber dennoch fast blind unterstützte. Rusnak gab vor, mit Devisen zu arbitrieren, also aufgrund unterschiedlichen Preise von einem gleichzeitigen Kauf und Verkauf risikolos zu profitieren. Da die Währungen zu jeder Zeit rund um den Globus gehandelt werden, gibt es zwar faktisch keine Preisunterschiede mehr zwischen den Handelsplätzen. Die Händler helfen sich jedoch anders: Sie stellen einem realem Währungskauf oder-verkauf eine mit Optionen nachgebildete Gegenposition gegenüber. Der Preis für die Optionen unterscheidet sich dabei so stark von der realen Währung, dass solche Transaktion risikofreie Gewinne ergeben können.

Rusnak gab jedoch nur vor, die Optionen auch zu kaufen. Tatsächlich spekulierte er nur auf dem Währungsmarkt. Er setzte auf einen steigenden Yen und sicherte sich nicht ab. Als die japanische Währung ab 1997 an Wert gegenüber anderen Devisen verlor, stand Rusnak vor millionenschweren Verlusten, obwohl seine persönliche Risikogrenze bei 1,55 Mill. $ endete.

Er begann zu tricksen. Damit die Verluste nicht auffielen, musste er die Bücher in der Bank manipulieren. Dazu kaufte und verkaufte er fiktive Optionen mit dem gleichen Ausübungspreis auf eine Währung, aber unterschiedlicher Laufzeit. Bei einem solchen Geschäft fließt real kein Geld, allerdings stellen die Optionen selbst einen Wert dar, der je nach Kauf oder Verkauf als Verlust oder Vermögen verbucht wird. Rusnak war clever: Die fiktiv verkauften Optionen ließ er am nächsten Tag verfallen und musste sie nicht auf die Bücher nehmen. Die scheinbar gekaufte Option ließ er länger laufen. Sie ging deshalb mit vollem Wert auf die Bücher. So schaffte Rusnak mit fiktiven Geschäften nicht vorhandene Werte in den Büchern, die seine realen Währungs-Verluste ausglichen. Es war ein perfektes Schneeballsystem: Wurden fiktive Options-Kontrakte fällig, erstellte er neue nach dem gleichen System. So "rollte" er die Verluste stets weiter nach vorn.

Allerdings, und hier beginnt das Versagen von Allfirst, wurde es Rusnak allzu leicht gemacht: In der Regel muss die Gegenpartei eines Optionsgeschäftes, also der jeweilige Käufer oder Verkäufer, die Transaktion schriftlich oder telefonisch bestätigen. Rusnak argumentierte in der Bank, eine Bestätigung sei gar nicht nötig: Es fließe ja real kein Geld. Jahrelang kam er damit durch; auch weil die Kontrolleure offenbar zu faul waren, mitten in der Nacht für Übersee-Transaktionen die Bestätigungen einzuholen. Rusnaks Dreistigkeit nahm zu. Am Ende manipulierte er Berechnungen seiner Risiko-Manager und sogar reale Währungspreise. Er fälschte Bestätigungen anderer Banken, die er auf seinem Computer als "fake.doc" (Fälschung) ablegte.

Aber auch früher gab es schon einen Verdacht. Citibank, eine der Gegenparteien der tatsächlichen Währungsgeschäfte, fragte im April 2000 bei Allfirst nach, ob das Haus für eine Transaktion im Wert von einer Milliarde Dollar geradestehe. Selbst Allied-Vorstand Michael Buckley fragte nach einem Hinweis bei der US-Filiale nach. Bis zuletzt hielten Rusnaks Vorgesetzte die schützende Hand über ihn.

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