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DFB-Auftritt sprengt in Iran sogar Tabus

Der erste Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sprengte in Teheran alle Grenzen, und sogar einige gesellschaftliche Tabus wurden für einen Abend in dem Gottesstaat außer Kraft gesetzt.

dpa TEHERAN. Der erste Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sprengte in Teheran alle Grenzen, und sogar einige gesellschaftliche Tabus wurden für einen Abend in dem Gottesstaat außer Kraft gesetzt.

Schon früh um 08.30 Uhr stürmten die ersten iranischen Anhänger die Stadiontore, um 12.00 Uhr mittags feierten sich auf den Tribünen 30 000 Fans selbst, und drei Stunden vor dem Anpfiff des Länderspiels des Iran gegen den Vizeweltmeister war das riesige Azadi-Stadion schließlich voll besetzt. Ursprünglich hatte der Iranische Fußball-Verband angekündigt, aus Sicherheitsgründen nur 65 000 Tickets verkaufen zu wollen. Als das Team von Jürgen Klinsmann um 18.05 Uhr durch einen Graben vor der Haupttribüne ins Stadion kam, jubelten und pfiffen mindestens bereits 100 000 Fans auf den Tribünen.

Überraschend wurden die Tore auch für iranische Frauen geöffnet - auch wenn nur wenige ihre Plätze unterhalb der VIP-Tribüne einnahmen. Einige Sportlerinnen - so waren Karten an den Frauen-Fußball-Verband gegangen - waren direkt vom Fußball-Verband eingeladen worden, dazu kamen weibliche Angestellte von Botschaften und Ministerien sowie Ausländerinnen. Nicht nur "Anja" outete sich mit ihrem Namenszug auf dem schwarz-rot-goldenen DFB-Trikot als Deutschland-Fan.

Eine noch weitaus größere Überraschung schallte aus den Lautsprechern der Arena: Erstmals nach der islamischen Revolution 1978 wurde in einem Stadion live Rockmusik gespielt. Die Gruppe "Inan" intonierte vor den riesigen, beleuchteten Standbildern von Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini und dessen Nachfolger Ajatollah Ali Chamenei auch Titel von Eric Clapton, den Dire Straits und den Eagles.

Einige Offizielle beschwerten sich zwar über die laute Beschallung, doch die iranische Staatsführung direkt soll das ungewöhnliche Konzert erlaubt haben. Fans rockten auf den Rängen euphorisch mit. Als bereits im Finsteren die deutschen Spieler aus den Katakomben kamen, stieg der Lärm-Pegel bis an die Schmerzgrenze. Als Michael Ballack & Co. im Mittelkreis dem Publikum mit erhobenen Armen zuwinkten, jubelte ihnen die Masse begeistert zu. Etliche deutsche Spieler machten auf dem Platz Fotos von diesen bewegenden Momenten. Mit einer modernen Laser-Show, die es in dieser Form in dem islamischen Land ebenfalls noch nie zuvor gegeben hatte, wurde die Stimmung in der offenen Arena weiter angeheizt.

Die Fans aus den Provinzen zelteten schon in der Nacht vor dem Spiel, das über die TV-Geräte rund drei Viertel der 70 Mill. Iraner erreichte, vor den Stadiontoren. Die Polizei versuchte jede Spannung schon im Ansatz zu ersticken. Teilweise verzichteten die Beamten auf ihre Uniformen, hatten stattdessen blaue T-Shirts und Trainingsanzüge an. Sogar die Geheimdienst-Mitarbeiter trugen statt dunkler Anzüge Polo-Shirts von der iranischen Nationalelf.

Auch 200 deutsche Anhänger waren im Stadion, die auf der riesigen Anzeigetafeln mit einem grün unterlegten "Welcome" begrüßt wurden. "Trotz Hartz IV sind wir hier", verkündeten Anhänger aus Stuttgart und Berlin. Nur für kurze Zeit kam auch die obligatorische Asan, die Rezitation vor dem Gebet, die sonst immer im Azadi-Stadion gespielt wird, zum Tragen.

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