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DFB-Chef Mayer-Vorfelder gibt Klinsmann Rückendeckung

Gerhard Mayer-Vorfelder ist vom Neubeginn der Fußball-Nationalmannschaft unter Jürgen Klinsmann positiv angetan und will den Bundestrainer in seinen Plänen nicht bremsen. „Ich werde ihm nicht in den Arm fallen, es sei denn, ich halte eine Maßnahme für völlig unnötig“, sagte der DFB-Präsident in einem dpa-Interview.

dpa STUTTGART. Gerhard Mayer-Vorfelder ist vom Neubeginn der Fußball-Nationalmannschaft unter Jürgen Klinsmann positiv angetan und will den Bundestrainer in seinen Plänen nicht bremsen. "Ich werde ihm nicht in den Arm fallen, es sei denn, ich halte eine Maßnahme für völlig unnötig", sagte der DFB-Präsident in einem dpa-Interview.

Herr Mayer-Vorfelder, wo trainiert und wohnt die deutsche Nationalmannschaft bei der Fußball-WM 2006?

Mayer-Vorfelder: "Ich halte die ganze Diskussion für einen Nebenkriegsschauplatz. Das ist zu einer großen Frage hochstilisiert worden. Ich möchte keine weiteren öffentlichen Diskussionen. Ich werde mit Jürgen Klinsmann und den Verantwortlichen der Bayer AG und von Bayer Leverkusen ein Gespräch führen. Aber da lasse ich mich jetzt weder auf einen Termin festlegen noch auf sonst etwas."

Der designierte geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger hat sich in der Frage nach dem deutschen WM-Quartier klar positioniert. Er will an den Vereinbarungen des DFB mit Leverkusen festhalten. Warum legen Sie sich nicht öffentlich fest?

Mayer-Vorfelder: "Aus meinen 25 Jahren im Profibereich bringe ich die Erfahrung mit, dass Trainer nicht in jeder Frage ans Gängelband genommen werden können. Man muss einem Trainer den notwendigen Freiraum geben. Es ist meine Grundeinstellung, Fragen, auch wenn sie strittig oder kontrovers sind, intern zu diskutieren und nicht über die Medien. Letzteres führt nur zu einer Verhärtung der Fronten."

Wie fällt Ihre erste Bilanz aus nach zwei Monaten mit dem neuen Bundestrainer Jürgen Klinsmann?

Mayer-Vorfelder: "Mir gefällt bei ihm und seinem Team, dass sie einen ungeheueren Optimismus ausstrahlen und versuchen, neue Ideen umzusetzen. Sie schaffen neue Spannungsfelder und setzen Reizpunkte. Ich sehe, dass sie ihre positive Grundhaltung auch auf die Mannschaft übertragen. Das hat man auch in den Spielen gesehen, insbesondere gegen Brasilien. Das heißt aber nicht, dass sie jetzt von Erfolg zu Erfolg eilen. Es werden auch Rückschläge kommen."

Kann man einen Vergleich zwischen Rudi Völler und Jürgen Klinsmann anstellen?

Mayer-Vorfelder: "Das sind unterschiedliche Typen. Jürgen Klinsmann versucht nicht, Rudi Völler zu kopieren. Er geht seinen eigenen Weg. Er ist der eindeutige Chef in dieser Gruppe mit Joachim Löw und Oliver Bierhoff. Er sucht einen engen Kontakt zu den Spielern, und er erreicht diese auch."

Kritiker sagen, die Kommunikation mit Klinsmann sei schwierig, weil er zu oft in den USA sei. Verkehren Sie jetzt auch per Mail mit dem Bundestrainer?

Mayer-Vorfelder: "Er ist nicht immer in den USA, und seine Aufenthaltszeit in Deutschland wird sich auch immer mehr vergrößern, so ist das abgesprochen. Die neue Generation nutzt die elektronischen Möglichkeiten wie E-Mail viel intensiver, insofern steht er im ständigen Kontakt mit dem DFB. Ich nehme mit ihm Kontakt auf, wenn er hier in Stuttgart ist."

Wie bewerten Sie die weitere Verjüngung des Nationalteams?

Mayer-Vorfelder: "Jürgen Klinsmann setzt zunehmend auf weitere junge Spieler. Das ist der richtige Weg. Er macht den Jungen Mut. Aber eines ist auch klar: Auch Jürgen Klinsmann kann Spieler nicht durch Handauflegen in große Techniker verwandeln. Aber er kann die Eigenschaften, die die Spieler haben, fördern und ihnen neues Selbstvertrauen geben."

Jürgen Klinsmann hat Sie als seinen Chef und Ansprechpartner in Nationalmannschafts-Fragen bezeichnet. Wird sich daran etwas ändern nach dem DFB-Bundestag am 23. Oktober?

Mayer-Vorfelder: "Es ist in Ordnung, dass er mich als Ansprechpartner benennt. Ich bin für diese Dinge zuständig."

Was ändert sich, wenn es im DFB die Präsidenten-Doppelspitze mit Theo Zwanziger und Ihnen geben wird?

Mayer-Vorfelder: "Es gibt eine grundsätzliche Aufteilung. Die internationalen Angelegenheiten wie Fifa und Uefa, Nationalmannschaft und Talentförderung sowie die Tätigkeit im WM-Organisationskomitee, dessen Aufsichtsratsvorsitzender ich bin, sind meine wesentlichen Bereiche. Damit bin ich ausgelastet. Er ist für die anderen Bereiche, wie die Abstimmung mit den Landesverbänden, Trainerfragen oder auch den sozialen Bereich zuständig. Letzten Endes aber lebt die ganze Geschichte davon, dass man offen und ohne Vorbehalte miteinander zum Wohle des DFB zusammenarbeitet."

Wie beurteilen Sie den neuen Ausraster von Oliver Kahn? Ist man mit so einem Verhalten als Nationalspieler noch tragfähig? Mayer-Vorfelder:

"Für mich war das eine Sache, bei der der Schiedsrichter eingreifen muss. Die Aktion war mindestens eine Gelbe Karte wert. Kahn ist halt so, er gerät leicht in Erregung. Ich nehme es nicht tragischer als es ist. Fußball ist ein Spiel mit Emotionen."

Was hat Sie bei Jürgen Klinsmann am meisten überrascht?

Mayer-Vorfelder: "Er geht nicht mit Zögern an die Arbeit, sondern er sieht die einmalige Chance, gut abzuschneiden bei der WM. Es war interessant, zu sehen, wie genau er über die U 21-Spieler Bescheid wusste: Huth, Hitzlsperger, Mertesacker, die kommen nicht aus dem Nichts. Dass Jürgen Klinsmann mit seinem Team neue Dinge anpackt, wie etwa beim Training, hat mich nicht überrascht. Denn dass er ein eigenwilliger Kopf ist, habe ich immer gewusst. Aber ich werde ihm nicht in den Arm fallen, es sei denn, ich halte eine Maßnahme für völlig unnötig. Dann werden wir miteinander darüber diskutieren."

Welchen Eindruck haben Sie von Oliver Bierhoff im neu geschaffenen Amt des Team-Managers?

Mayer-Vorfelder: "Oliver Bierhoff ist ein smarter Mann, der sich sehr gewählt ausdrücken kann. Er ist deswegen an der richtigen Stelle in einer Mittlerfunktion zwischen Mannschaft, DFB und Sponsoren. Aber die Zeit ist noch viel zu kurz, als dass er da bereits ein eigenes in sich geschlossenes Profil entwickelt haben könnte."

Jetzt spielt die Nationalmannschaft erstmals in Iran. Welche Bedeutung hat die Partie in Teheran?

Mayer-Vorfelder: "Wir sind um Hilfe geboten worden nach dem schrecklichen Erdbeben in Iran. Man hat dann entschieden, den besten Beitrag zum Wiederaufbau mit einem Länderspiel leisten zu können. Die Aufgabe vor Ort ist aber eine rein sportliche. Darauf wird sie beschränkt sein."

Welche Erwartungen haben Sie nach dem positiven Neubeginn gegen Österreich und Brasilien?

Mayer-Vorfelder: "Im Hinblick auf den Trainerwechsel sehe ich es als Vorteil an, dass wir nicht in der WM-Qualifikation stehen. So besteht die Möglichkeit, für den neuen Trainerstab zu experimentieren und junge Spieler heranzuführen. Das wäre in der Form nicht möglich, wenn man Qualifikationsspiele hätte, da kommt es auf Punkte an. In den Freundschaftsspielen zählen für mich nicht so sehr die Ergebnisse, sondern ob es gelingt, eine Mannschaft zu bilden, die 2006 eine gute Rolle spielen kann."

Jürgen Klinsmann hat sich den WM-Titel zum Ziel gesetzt. Hat er Sie angesteckt mit seinem Optimismus?

Mayer-Vorfelder: "Ich fand das faszinierend. Der stellt sich da hin und sagt: 'Ich will Weltmeister werden'. Aber wenn man es genau überlegt, ist das der Erwartungshorizont der Menschen in Deutschland. Er hat die Messlatte dahin gelegt, das war mutig. Die Hoffnung darf man haben."

Ulrike John und Klaus Bergmann, dpa

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