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DFB-Doppelspitze als Waffenstillstand

Die Doppelspitze steht im Fußball gemeinhin für die Absicht, den Erfolg mit verstärkter Kraft anzustreben. Manchmal versteckt sich hinter dem Begriff aber auch eine Verlegenheitslösung.

dpa OSNABRÜCK. Die Doppelspitze steht im Fußball gemeinhin für die Absicht, den Erfolg mit verstärkter Kraft anzustreben. Manchmal versteckt sich hinter dem Begriff aber auch eine Verlegenheitslösung.

Nämlich dann, wenn ein Trainer sich nicht für den einen oder anderen entscheiden kann. Einen solchen Kompromiss hat der DFB-Bundestag in Osnabrück in sein Grundgesetz geschrieben. Mit Gerhard Mayer-Vorfelder beließ er den alten, fintenreichen, immer stärker in die Kritik geratenen Alleingänger im Team und stellte ihm mit Theo Zwanziger einen jüngeren, gradlinigen und populären Stürmer an die Seite.

Ob diese bis zur WM 2006 begrenzte Formation Erfolg haben wird, muss sich erst noch herausstellen. Zu groß scheinen die Unterschiede zwischen der Ich-AG Mayer-Vorfelder und dem Teamspieler Zwanziger, als dass dieses Duo zu einem Duett zusammenfinden könnte. Nicht wenige im DFB fürchten, es könnte gar in einem Duell enden.

Ein solches Duell hat bereits in Osnabrück stattgefunden, allerdings nur in der Kulisse und damit kaum sichtbar. Im Kampf um das Schatzmeister-Amt sah sich der von Mayer-Vorfelder geförderte Wilfried Straub genötigt, angesichts der von Zwanziger aufgebauten Front für den bayerischen Funktionär Heinrich Schmidhuber noch vor einer Kampfabstimmung zu kapitulieren. Er tat es unter Tränen, was bei diesem selbstbeherrschten Mann von besonderer Aussagekraft ist. Der Ausgang dieses Statthalter-Duells hat deutlich werden lassen, dass die Macht in Osnabrück schon weit gehend auf Zwanziger übergewechselt ist und Mayer-Vorfelder nur noch als Geduldeter zu gelten hat.

Das fragile Gebilde Doppelspitze steht aber auch für die Pattsituation zwischen dem Amateur- und Profilager im deutschen Fußball. Trotz aller Bekundungen hat wohl nur die Jahrhundert-Aufgabe Fußball-WM 2006 bewirkt, dass die beiden Parteien einen Bruch vermieden haben und bereit waren, ihre zum Teil konträren Interessen in ein Kompromiss-Paket zu packen. Und das nach nächtelangen Bemühungen in Osnabrück unter Einschluss von Verdrängung und Vertagung.

Die eigentlichen Entscheidungen werden, im Lichte der dann vergangenen WM, im September 2006 bei einem Außerordentlichen Bundestag fällig. So ist in der in der "Friedensstadt" Osnabrück beschlossene Doppelspitze auch ein auf zwei Jahre befristeter Waffenstillstand zu sehen.

Günter Deister, dpa

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