DFB-Präsident macht der Mannschaft Druck
Freiers Fußbruch wirft Völlers Pläne über den Haufen

Es kommt vor der Woche der Wahrheit immer dicker für DFB-Teamchef Rudi Völler: Jetzt meldete sich auch der fest für die Startelf für das erste EM-Qualifikationsspiel am kommenden Samstag (19.30 Uhr/ARD) in Reykjavik gegen Island eingeplante Bochumer Mittelfeldflitzer Paul Freier mit einer schweren Verletzung ab. Er fällt vermutlich sogar bis Dezember aus. Des einen Leid ist des anderen Freud: Plötzlich rückt Sebastian Deisler wieder ins Rampenlicht.

HB NEU-ISENBURG. "Das ist eine Hiobsbotschaft. Paul hätte gespielt. Jetzt müssen wir uns etwas einfallen lassen", kommentierte Völler am Mittwoch die bittere Diagnose nach der Kernspintomographie des rechten Fußes von Freier. "Das ist ein Rückschlag für mich. Und dass ich gespielt hätte, macht mich noch deprimierter", klagte der 24-Jährige, als er humpelnd das DFB-Quartier in Neu-Isenburg verließ.

Völler blies dagegen nicht lange Trübsal, sondern rückte umgehend Rückkehrer Deisler noch weiter ins Rampenlicht. "So traurig es für den Paul Freier ist, so absolut richtig ist es, dass Sebastian hier dabei ist", sagte Völler. Dem 23-jährigen Münchner wollte der Teamchef bei seinem Nationalmannschafts-Comeback nach 16 Monaten eigentlich nur "das Gefühl" vermitteln, "dass er dazu gehört". Durch Freiers Ausfall ist nun ein Platz im Mittelfeld frei geworden, "und ich habe da schon überall gespielt", bemerkte Deisler, der dem Team gerne helfen möchte, allerdings auch zugab: "Bei hundert Prozent bin ich sicherlich noch nicht. Soweit weg bin ich davon aber auch nicht", verriet Deisler, der sich zuletzt am 18. Mai 2002 beim einem Länderspiel gegen Österreich (6:2) in Leverkusen eine schwere Knie-Verletzung zugezogen hatte, der interessierten Öffentlichkeit. Aber spielen würde er schon gerne, denn "für Deutschland zu spielen, ist etwas Besonders". Die vergangenen Qualifikationsspiele hatte er daher nur vom Fernseher aus verfolgen können. Was ihm dabei aufgefallen sei, wollte er allerdings nicht preisgeben.

DFB-Team soll noch enger zusammenrücken

Die Problem-Position linke Außenbahn ist durch Freiers Ausfall und die Gelb-Sperre des Münchners Tobias Rau endgültig zum totalen Notstandsgebiet geworden, auch wenn Völler noch "einige Möglichkeiten" in der Hinterhand hält. Der Berliner Michael Hartmann oder der Hamburger Christian Rahn sind allenfalls Notlösungen, was auch der Teamchef indirekt zugab: "Es muss links nicht immer ein Linksfuß spielen."

Deislers Einsatzchancen steigen auch deswegen, weil der im Mittelfeld gesetzte Bernd Schneider weiterhin ein "Pflegefall" ist. Der Leverkusener (Knöchelblessur) blieb am Mittwoch ebenso wie Stürmer Fredi Bobic (muskuläre Probleme) und Rau (Pferdekuss) der zweiten Trainingseinheit fern. Auch der erkältete Stuttgarter Kevin Kuranyi musste vormittags passen, während der an Knie-Problemen laborierende Jens Jeremies wieder mittrainierte.

Angesichts der Personalprobleme forderte Völler seine noch 20 verbliebenen Akteure auf, noch enger zusammenzurücken. "Das Allerwichtigste ist, wie wir als Kollektiv in das Spiel reingehen", betonte der Teamchef, der seinem Personal eindringlich den Ernst der Lage vor Augen hielt: "Gerade wir können uns nicht erlauben, einen Gegner auf die leichte Schulter zu nehmen. Das wäre fatal."

Völler betrachtet die "Spiele der Wahrheit" in Reykjavik und vier Tage später im Dortmunder Westfalenstadion gegen Verfolger Schottland eben nicht als Selbstläufer, wie es sein oberster Chef, DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, einforderte: "Ich erwarte, dass die Mannschaft beide Spiele gewinnt und sich damit schon für die EM qualifiziert", sagte Mayer-Vorfelder. Dafür hatte er am Dienstagabend mit dem Mannschaftsrat um Kapitän Oliver Kahn für die Qualifikation eine Erfolgsprämie von 10 000 ? pro Spiel ausgehandelt. Ein Akteur, der für alle acht Partien nominiert war, könnte so maximal 80 000 ? kassieren.

Völler wäre auch mit weniger als zwei Siegen zufrieden

Völler "wünscht" sich zwar ebenfalls die vorzeitige Qualifikation für die EM-Endrunde 2004 in Portugal, aber er könnte auch mit weniger als zwei Siegen leben. "Ich will nach diesen zwei Spielen wieder Tabellenführer sein", benannte er sein Nahziel. Noch führt Island mit zwölf Punkten, aber einem ausgetragenen Spiel mehr, die Grupe fünf vor Deutschland (11) und den von Berti Vogts betreuten Schotten (8) an.

Einen Tag vor der Abreise nach Island an diesem Donnerstag versuchten Völler und Mayer-Vorfelder gemeinsam, zwei Störfeuer auszulöschen. Der Teamchef wies die öffentliche Forderung von Ersatztorhüter Jens Lehmann nach mehr Einsatzzeiten kategorisch zurück. Auf dem Trainingsplatz redete er demonstrativ fünf Minuten lang auf seine Nummer zwei ein und erinnerte Lehmann daran, "dass ich auch in schlechteren Zeiten zu ihm gestanden habe". Mayer-Vorfelder konterte unterdessen die Aussagen von Bayern-Manager Uli Hoeneß, der angesichts des immer größeren Ausländeranteils in der Bundesliga die Zukunft der Nationalelf zur Debatte gestellt hatte: "Das hat der Uli so rausgehauen. Aber die Nationalmannschaft ist das Lieblingskind der Deutschen."

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