DHB-Chef: Titel ist 5 Millionen wert
Frust und Stolz bei Vize-Weltmeistern

Die Tränen waren schnell getrocknet, doch den Frust über das verlorene WM-Finale konnten die deutschen Handballer auch bei einer Party bis in die Morgenstunden in Lissabon nicht ganz hinunterspülen. "Vielleicht können sich einige in vier bis fünf Wochen über Silber freuen. Aber heute freut sich noch keiner", sagte Stefan Kretzschmar nach der Ankunft am Montagnachmittag in Frankfurt/Main.

HB/dpa LISSABON/FRANKFURT/MAIN. Zu tief saß die Enttäuschung über die verpasste Chance, erstmals nach 25 Jahren wieder den Titel nach Deutschland zu holen. "Im Handball gibt es einen Spruch: Lieber tot als Silber. Und genau so fühlt sich, glaube ich, jeder von uns", meinte der Magdeburger Linksaußen, der wegen eines Fingerbruchs im Finale gefehlt hatte.

Als Bundestrainer Heiner Brand auf dem Flughafen in Lissabon eine Lobrede auf sein Team hielt, schossen einigen Spielern die Tränen in die Augen. Nach dem 2. Platz bei der EM im Vorjahr fehlte wieder nur eine Winzigkeit zum ganz großen Wurf. "Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht ewig "Vize" bleiben will", kündigte Brand einen erneuten Anlauf an. "Mit dieser Mannschaft haben wir gute Chancen, auch in Zukunft oben dabei zu sein", erklärte der Weltmeister von 1978, der nach dem verpassten WM-Titel seinen markanten Schnauzbart weiter tragen kann.

Auch Ulrich Strombach schaute nach vorn. Den Vermarktungswert der deutschen Nationalmannschaft taxiert der Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB) auf rund fünf Mill. ?. "Das ist eine erschließbare Vorstellung. Wir werden jetzt ganz schnell fleißig daran arbeiten, das positive Ergebnis in Verträge und Kontakte umzumünzen", erklärte Strombach.

Noch drei Stunden nach dem Schlusspfiff hatten die deutschen Spieler in ihrer Kabine des Pavilhao Atlantico gesessen und Bier getrunken. "Erst war gar keins da, jetzt schon fast zu viel", berichtete Strombach. Mit dem Gerstensaft ölten die Mannen um Kapitän Markus Baur (Lemgo) ihre Stimmbänder für den zweiten großen Auftritt des Abends. Beim Abschlussbankett übernahmen die Großwallstädter Heiko Grimm und Carsten Lichtlein kurzerhand das Showprogramm. Unterstützt von Klaus-Dieter Petersen (Kiel) und Gregory Anquetil, Linksaußen des WM-Dritten Frankreich, verdrängten sie die Unterhaltungsband und erfreuten die Gäste mit Gesang. Erst als Heiko Grimm das Schlagzeug enterte, wurden die deutschen Laienkünstler ausgebremst.

Strombach zeigte sich ebenfalls in bester Stimmung. "Es ist ganz klar, dass die Fernsehanstalten jetzt die Nationalmannschaft wollen", sagte der Anwalt aus Gummersbach. Mit dem DHB-Flaggschiff hat er ein gutes Argument für die bevorstehenden Verhandlungen um einen neuen Fernsehvertrag. "Die Chancen sind sehr gut. Sie wären zwar um einen Tick besser, wenn der plakative Titel Weltmeister gewonnen wäre. Aber es gibt eine positive Grundeinstellung bei den Medien und den Vermarktern", meinte er.

Bislang hat es zwischen dem DHB und dem Fernsehrechte-Inhaber SportA noch keine Gespräche gegeben. Ihm wäre es recht, mit der Agentur der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF weiter zusammen zu arbeiten. Doch sieht sich Strombach nicht zuletzt auch wegen der Schuldenfreiheit des Verbandes bei den Verhandlungen in einer Position der Stärke. "Ich bin kein Verfechter davon, einen festen Fernsehvertrag zu brauchen. Wir haben Einzelevents, die kann man den einzelnen Vermarktern anbieten", erläuterte er seine Vorstellungen.

Dann würden nach seiner Meinung neben den Fernseh- auch Werbegelder für Presenting oder Banden-Reklame fließen: "Ich stehe dafür, aus beidem Geld einzunehmen. Ich nehme das, was mir den meisten Profit bietet." Dagegen steht Strombach derzeit einer Zentralvermarktung der Nationalmannschaft zusammen mit der Bundesliga eher skeptisch gegenüber. Dafür seien ein Großsponsor wie zum Beispiel bei der Fußball-Champions-League sowie mehrere Co-Sponsoren notwendig. "Interessant wird die Zentralvermarktung erst bei einer Größenordnung von zehn Mill. ?. Mit dem Titel hätte man in dieser Dimension denken können. Mit der Vize-Weltmeisterschaft müssen wir das erst mal untersuchen", so der DHB-Präsident.

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