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Dick, Bob und Rupert entdecken das Internet (wieder)

Den Anfang macht Dick Parsons, der Chef des weltgröÃten Medienkonzerns Time Warner.

Den Anfang macht Dick Parsons, der Chef des weltgröÃten Medienkonzerns Time Warner. Lässig zurückgelehnt im dunkelbraunen Sessel sitzt der bärtige Manager auf dem kleinen Podium und erzählt ganz nebenbei, dass der Online-Dienst AOL seine gröÃte Wachstumshoffnung ist. Mehrere hundert Analysten der Medienkonferenz im Grand Hyatt Hotel in New York denken, sie hören nicht richtig. AOL, jener Internetservice, der während der Boomphase Time Warner verschlang, dann â nachdem Spekulationsblase geplatzt war â zum Schmuddelkind im Konzern wurde und bereits beerdigt werden sollte, dieses Kind der New Economy soll jetzt wiederauferstehen.

Noch bevor sich die Zuhörer richtig besinnen können, kommen die nächsten Paukenschläge: Alle Chefs der groÃen US-Medienkonzerne treten nacheinander auf das Podium der Goldman-Sachs-Konferenz und verkünden mit leuchtenden Augen die Wiederentdeckung des Internets. Ob Bob Iger von Disney, Leslie Moonves von Viacom oder Rupert Murdoch von News Corp. â sie alle planen Zukäufe, erhoffen sich Synergien, rechnen mit hohen Wachstumsraten. Nein, wir schreiben nicht das Jahr 2000, sondern 2005. Börsen-Crash, New Economy, Internet-Ekstase haben wir alles hinter uns, abgehakt.

Oder doch nicht?

Am meisten verblüfft der 74jährige Murdoch. Seit Monaten redet der konservative Medienzar nur noch über Bits, Portale, Dot.com und VoIP. Seine Manager lässt er alle paar Wochen zu einem Brainstorming über das WorldWideWeb antreten. Noch vor einem Jahr wären dem Herrscher von Fernsehsendern und Zeitungen solche postmodernen Begriffe nicht über die Lippen gekommen. Heute kauft der rothaarige Unternehmer Internet-Dienste wie MySpace.com oder GameSpy.com im Monatsrhythmus. Das Internet ist die Zukunft, verkündet er landauf, landab.

Was die Medien-GröÃen um â und vor sich her treibt, sind die enormen Verschiebungen auf dem Werbemarkt. Während das Anzeigenvolumen im Internet kräftig steigt, dümpelt es bei klassischen Medien wie Zeitungen, Zeitschriften und TV-Sendern vor sich hin. Wie schon den so genannten Business-to-Business (B2B) Bereich revolutioniert das Internet jetzt den gesamten Medienbetrieb. Das zeigt sich übrigens nicht nur auf den Anzeigenmärkten. Blogger sind längst zur fünften Instanz im Staate geworden â und schauen dabei auch den herkömmlichen Medien auf die Finger. Die Grenzen zwischen alten und neuen Vertriebformen verschwimmen immer mehr. Zeitungen legen ihre Print- und Online-Reaktionen zusammen, TV-Kanäle stellen ihre beliebtesten Shows ins Netz. One brand, all media lautet das Motto.

Es ist wie eine späte Rache der allzu schnell totgesagten New Economy. Statt wie die Lemminge erst in die eine und dann in die andere Richtung zu laufen, hätten die Medien-Manager besser durchgehalten. So laufen sie dem Trend jetzt hinterher, statt ihn zu setzen. Einer, der das früher erkannt hat als die meisten anderen, ist Barry Diller, der Chef des Internetimperiums IAC. Der saà dann auch ziemlich selbstzufrieden im braunen Sessel auf dem Podium und konnte seine Genugtuung über das späte Erwachen seiner Kollegen kaum verbergen.


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