Dickere Zeitungen, längeres Warten auf ein Taxi und ausgebuchte Handwerker
Warum sexy Mode ein gutes Zeichen ist

Nicht nur trockene Statistiken signalisieren Konjunkturwenden. Auch viele Beobachtungen aus dem alltäglichen Leben taugen als Indikatoren für eine beginnende Erholung der Wirtschaft.

BRÜSSEL. Alle reden vom Aufschwung. Allerdings: Ob, wann und wie stark er kommt, weiß keiner so genau. Zwar haben Ökonomen jede Menge Konjunktur-Indikatoren entwickelt - aber neben Geschäftsklima und Verbrauchervertrauen, Auftragseingängen und Industrieproduktion gibt es eine ganze Reihe weicher Indikatoren, anhand derer man sich ein Bild von der Konjunktur machen kann.

So lässt sich an der Dicke der Zeitungen die Lage der Konjunktur zuverlässig ablesen. Besonders aufschlussreich: die Menge der Anzeigen und der Stellenangebote. Denn Unternehmen fahren in einer Flaute schnell ihre Werbeausgaben herunter - das Anzeigenvolumen und damit der Umfang der Blätter schrumpft.

So hatte die Wochenendausgabe der österreichischen Zeitung "Die Presse" 2001 noch 100 Seiten, mehr als 30 davon Stellenanzeigen. Derzeit ist das Blatt rund ein Drittel dünner. "Unsere Anzeigenumsätze sind 2001 um vier Prozent gefallen, weil Technologiefirmen ihre Aufträge zurückzogen und die Stellenanzeigen zurückgegangen sind", sagt Geschäftsführer Peter Umundum. Immerhin: "Im Vergleich zum Herbst sehen wir einen leichten Anstieg bei den Anzeigen."

Gut gefüllte Auftragsbücher von Handwerkern und steigende Verkaufszahlen für Werkzeuge und Farben sind ein Zeichen dafür, dass die Verbraucher zuversichtlicher werden. In Großbritannien ist dies schon heute der Fall: Barras Home Improvements, ein mittelständiger Handwerksbetrieb in Coventry, hatte Anfang des Jahres viermal mehr Aufträge als sonst - möglicherweise gaben viele Briten nach den Terroranschlägen ihre Reisepläne auf und steckten das gesparte Geld in die Renovierung ihrer Häuser.

In Deutschland dagegen sind die Umsätze von Handwerksbetrieben 2001 um zwei Prozent gefallen. Im Februar gab es zwar Anzeichen für eine Erholung, doch erst der April dürfte Klarheit bringen - falls das gute Wetter viele Deutsche zu Renovierungen hinreißt. Wird es im Frühling also schwieriger, einen Handwerker aufzutreiben, ist dies ein gutes Zeichen.

Auch die Wartezeit auf ein Taxi steigt, wenn die Wirtschaft deutlich an Schwung gewinnt. Nach dem 11. September brachen die Umsätze der Taxifahrer ein, momentan stagniert ihr Geschäft. So wartete Ingo Siewert, Taxifahrer in Hamburg, Anfang des Jahres am Hamburger Flughafen bis zu dreieinhalb Stunden auf einen Fahrgast. Die Taxifahrer mussten in den letzten Monaten länger arbeiten, um das gleiche Geld zu verdienen. Wenn Unternehmen wieder zuversichtlicher in die Zukunft blicken, steigt die Zahl der Geschäftsreisen wieder an - und damit auch die Nachfrage nach Taxifahrten.

Glitter und Glamour

Ein gutes Konjunktursignal ist es, wenn Unternehmensberater und Banken wieder Personal aufbauen. Denn das Geschäft von Management-Beratern und Investmentbanken ist eng an den Konjunkturzyklus gekoppelt. Im vergangenen Jahr gab es in beiden Branchen allerorts Einstellungsstopps und Stellenabbau. Doch sobald sich die Wirtschaft erholt, dürften Firmen dieser Brachen zu den ersten gehören, die wieder Leute einstellen.

Kommt die Konjunktur in Schwung, werden wir bald wieder mehr Glitter und Glamour in der Mode sehen. Während des Booms in den neunziger Jahren setzten Modedesigner in ganz Europa auf opulente, auffällige oder sexy Entwürfe. Doch nach den Anschlägen vom 11. September fanden sie Exzesse in der Mode nicht länger angebracht, änderten den Stil und propagierten eine neue Schlichtheit - allen voran Giorgio Armani, Trussardi und Dolce & Gabbana. "Die Mittelklasse hat momentan ihr Gefühl der Sicherheit verloren", sagt Ljuba Popova der Nuova Accademia di Belle Arti in Mailand. Doch das könnte sich schnell wieder ändern. Alles hängt davon ab, wie die US-Einzelhändler die aktuellen, in Mailand und Paris vorgestellten Kollektionen annehmen.

Wenn die Konjunktur an Fahrt gewinnt, verkaufen sich Mittelklasseautos besser als im Abschwung. Liegt die Wirtschaft darnieder, halten die potenziellen Käufer ihr Geld zusammen - anders als Wohlhabende, die auch in schlechten Zeiten Luxuslimousinen kaufen. Bei der Ernst Dello GmbH, einem Hamburger Opel-Händler, waren die Umsätze Ende 2001 fast 15 Prozent niedriger als 2000 - und Geschäftsführer Kurt Kröger sieht noch keine Wende. Allerdings hofft er auf die warme Jahreszeit, in der die Leute normalerweise mehr Autos kaufen. Wenn nicht, ist das ein schlechtes Omen.

Ähnliches gilt für die Nachfrage nach Eigenheimen: In kargen Zeiten kaufen die Menschen kaum Häuser oder Eigentumswohnungen. Deshalb zeigt sich der Sotheby?s-Manager Alexander Kraft zuversichtlich: Seit Anfang dieses Jahres sind seine Kunden insgesamt wieder entscheidungsfreudiger, im Januar hat er in der Toskana eine Villa für 1 Mill. Euro verkauft.

Mitarbeit: Brigitte Baas

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