Didier Bellens ist Vorstandschef der RTL Group
Bellens: Buchhalter der Träume

Er ist ein Mann der Zahlen. Bellens steht nicht gerne im Scheinwerferlicht, sondern wirkt lieber im Hintergrund. Er will RTL trotz Werbekrise zur Vorzeigefirma von Bertelsmann machen.

LUXEMBURG. Keine Spur von Glanz und Glamour in Luxemburg-Stadt. Ein nüchterner, zweckmäßiger Verwaltungsbau - ein paar Meter vom Messegelände auf dem Kirchberg entfernt - dient als Sitz des größten Fernsehkonzerns Europas, der RTL Group. Hier, im Banken-und Europaviertel, fühlt sich Vorstandschef Didier Bellens wohl. Der 46-jährige Wirtschaftsingenieur ist von jeher mehr ein Zahlenmensch, der das Scheinwerferlicht meidet, anders als seine Kollegen aus der Medienszene.

Als kalter Geldzähler versteht er sich jedoch nicht. "Ich habe nie in einer Bank gearbeitet, sondern mich immer schon mit Strategien beschäftigt", versichert der schlaksige Mann mit seiner randlosen Brille.

Wie kommt so jemand ins Geschäft mit Stars und Quoten? Er gilt als Musterschüler des mächtigen belgischen Bankiers Albert Frère. "Er war der wichtigste Mann in meinem Berufsleben", sagt Bellens über seinen Ziehvater. Frère förderte die leise, aber steile Karriere von Bellens, der bereits mit 26 Jahren zur Groupe Bruxelles Lambert (GBL) kam, die zum Frère-Imperium gehört. Sein Aufstieg erreichte den vorläufigen Höhepunkt, als er im März 2000 den Vorstandsvorsitz des TV-Konzerns CLT-UFA übernahm, aus dem nach der Fusion mit dem britischen Medienhaus Pearson (Financial Times, Economist) die RTL Group entstand.

Enttäuschende Bilanzen

Derzeit plagen Frères Vorzeigemanager Sorgen. Seine Bilanz für die 23 TV- und 14 Radiosender, die internationale Filmproduktion (Fremantle) und den Sportrechtehandel (Sport Five) fiel für das vergangene Jahr enttäuschend aus. Trotz eines guten Geschäftes im wichtigen deutschen Markt (RTL, Super RTL, Vox, RTL 2) ist für die gesamte Gruppe, deren Umsatz bei rund vier Milliarden Euro stagniert, auch in diesem Jahr keine Besserung in Sicht. Die Werbekrise hinterlässt vor allem im Kerngeschäft Fernsehen tiefe Spuren.

Bellens sah das Unheil schon vor einem Jahr heraufziehen und scheute sich nicht, als Erster in der Branche vor dem Einbruch im Werbegeschäft zu warnen. Darauf ist er heute stolz. Frühzeitig Trends erkennen und darauf reagieren, das ist seine Devise.

Der Belgier schreckt nicht vor unpopulären Entscheidungen zurück, um sein erklärtes Ziel zu erreichen: "Die RTL Group soll zur schlankesten und effizientesten Zentrale im Bertelsmann-Konzern werden." So trennte er sich im vergangenen Jahr kurzerhand von 40 der 130 Angestellten in der Luxemburger Holdingzentrale. Er schloss die teuren Niederlassungen in London und Genf. Und das unübersichtliche Senderreich in Europa durchforstet er nach Verlustbringern. So will er die RTL Group (RTL, M 6, Channel 5) zu einem Musterschüler innerhalb des Bertelsmann-Konzerns machen, der mittlerweile 90 Prozent der Anteile am Luxemburger Konzern hält.

Bellens ist auch als Politiker gefordert, um bei den Luxemburgern Widerstände gegen den deutschen Großaktionär bei RTL zu überwinden. So sucht er - mit Zweitwohnsitz in der Luxemburger Altstadt - immer wieder das Gespräch mit Premier Jean-Claude Juncker. "Bertelsmann hat erkannt, dass der Standort Luxemburg für uns von großem Vorteil ist", merkt er vieldeutig an.

Dualismus zwischen Luxemburg und Gütersloh

Seit März ist sein Job aber schwerer geworden. Seitdem ist sein Ex-Vorstandskollege Ewald Walgenbach bei Bertelsmann für das Fernsehgeschäft zuständig. So wächst der Dualismus zwischen Luxemburg und der Konzernzentrale in Gütersloh. Während Bellens ein Engagement im Pay-TV ablehnte, verhandelte Walgenbach bereits in München mit dem Kirch Premiere-Bezahlsender über einen Einstieg.

Dennoch hat Bellens einen guten Draht nach Gütersloh, zu Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff. "Thomas und ich teilen viele Dinge", lässt er seinen Besucher wissen. Dazu gehört zweifellos der Wille, die TV- und Radiogruppe zur Geldfabrik von Europas größtem Medienkonzern zu machen.

Trotz seines ehrgeizigen Ziels ist der Buchhalter der Träume kein Workaholic. Er genießt das Familienleben am Wochenende mit seiner Frau und den zwei Kindern in der Heimatstadt Brüssel. Und im Sommer zieht es ihn in die Berge, dieses Jahr in die Anden nach Peru - Ferien ganz ohne Fernsehen.

Quelle: Handelsblatt

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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