Die 36-Jährige ist Chefin von MTV
Catherine Mühlemann: Eine Frau der leisen Töne

Nur wenige TV-Sender haben in diesem Jahr ihre Werbeeinnahmen steigern können - Mühlemann hat es geschafft. Ins Rampenlicht zieht es die neue MTV-Chefin dennoch nicht.

MÜNCHEN. Es ist ruhig. Von der niemals endenden Fahrzeug-Kolonne, die sich draußen auf vier Spuren durch Schwabing quält, ist nichts zu hören. Neben dem Schreibtisch flackern zwei Kerzen, werfen ihr Licht auf die mit weißem Stoff überzogenen Sessel. Vom geschäftigen Treiben im 50 Meter langen Großraumbüro nebenan dringen nur vereinzelt leise Stimmen ein. Catherine Mühlemann ist kein Freund der lauten Töne. Mag es auch noch so schrill zugehen vor den Kameras des Senders, den sie leitet: Die 36-jährige Chefin der Deutschland-Filiale des amerikanischen Musikkanals MTV bleibt selbst lieber geräuschlos im Hintergrund.

"Ich muss nicht im Rampenlicht stehen", sagt die gebürtige Schweizerin, "die MTV-Zielgruppe interessiert nicht, wie alt ich bin und wie ich aussehe." Die Fotografen der Boulevard-Presse am Firmensitz in München bekommen die langen, dunklen Haare und das einnehmende Lächeln der groß gewachsenen Managerin so gut wie nie vor die Linse. Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin Christiane zu Salm, heute Chefin des Mitmach-Kanals Neun Live, scheut Mühlemann die Öffentlichkeit. Um die Partys der Fernsehszene macht die Germanistin genauso einen Bogen wie um Branchentreffs - zum Beispiel um die Münchener Medientage.

Ihre Lebenseinstellung macht es einfach, den ausgetretenen Pfaden der Medienherde zu entfliehen: "Be different", wiederholt sie immer wieder, sei ihr Motto. Und so unterscheidet sich die Frau aus der Schweizer Hauptstadt Bern derzeit auch mit ihren Geschäftszahlen vom Rest der Branche. "In diesem Jahr peilen wir ein Umsatzwachstum von 7,5 Prozent an", sagt Mühlemann mit Genugtuung. "Im Vergleich zu anderen Sendern geht es uns damit ganz gut." In der Tat: Deutschlands größte TV-Gruppe, die Münchener Pro Sieben Sat 1 Media AG, musste jüngst einen Umsatzeinbruch von 10 Prozent hinnehmen.

Mühlemann macht deutlich: Ihr Geschäft sind die Zahlen. Zwar habe sie schon immer gerne MTV geschaut - das aber vor allem wegen des Designs. "Man konnte dort schon einiges abschauen." Musikalisch bevorzugt die Geschäftsführerin, die in ihrer Jugend begeistert Deep Purple und AC/DC hörte, "heute eher Jazz oder klassische Musik".

Sie spricht leise, sehr bestimmt. Aber wer glaubt, die zierliche, fast zerbrechlich wirkende Person könne sich nicht durchsetzen, wird schnell eines Besseren belehrt. Schon so mancher Mitarbeiter war überrascht von ihren offenen und deutlichen Worten. So macht sie auch keinen Hehl daraus, dass der MTV-Eigentümer, der US-Medienkonzern Viacom, lieber zweistellige Wachstumszahlen hätte. Doch das sei im schwachen deutschen Markt momentan einfach nicht möglich.

Um die Ergebnisse dennoch aufzupeppen, baut die frühere Mitarbeiterin des Schweizer Fernsehens MTV-Deutschland permanent um. Seit ihrem Start im Mai 2001 hat sie 45 Stellen gestrichen, jetzt sollen die zwei Standorte München und Berlin so schnell wie möglich zusammengelegt werden. Damit ließen sich noch einmal fünf Prozent sparen, rechnet Mühlemann nüchtern vor.

Gut möglich, dass die Geschäftsfrau deshalb bald von der Isar an die Spree umziehen wird. Und das, obwohl sie die Bayern inzwischen fast ins Herz geschlossen hat. "Der Englische Garten" - der gleich neben den MTV-Studios beginnt - "ist der schönste Park, den ich kenne", sagt sie voller Bewunderung in ihrem noch immer leicht zu erkennenden Schweizer Akzent. Doch damit nicht genug des Lobes für die neue Heimat: "Ich mag die bayerische Küche. Und sogar Bier trinke ich jetzt, was ich vorher kaum gemocht habe." Noch etwas gefällt ihr an ihrem neuen Leben: Die Ski-Möglichkeiten in der Münchener Umgebung seien sehr attraktiv. Die Gebiete seien hier zum Teil größer als in der Schweiz, zudem günstiger und man müsse nicht so lange anstehen. Kein Wunder, dass sie auf keinen Fall zurück in ihre Heimat möchte. Um wieder in der Schweiz zu leben, sei sie inzwischen viel zu rastlos.

Mit dem Aufbau von zwei TV-Stationen, dem öffentlich-rechtlichen SF2 und dem privaten TV 3 in Zürich, hatte Mühlemann den Eidgenossen gezeigt, dass sie etwas vom TV-Geschäft versteht. Dennoch reizt sie der deutsche Markt: Dort stürzt sie sich mit ihren beiden Kanälen, MTV und MTV 2 Pop, in die erbitterte Auseinandersetzung mit dem Kölner Pop-Sender Viva. Dabei sieht sie selbstbewusst MTV als unumstrittenen Marktführer der Musikkanäle hier zu Lande. Trotz Wirtschaftsflaute verspricht sie den amerikanischen Eigentümern gute Zahlen: "Auch kommendes Jahr wird MTV weiter wachsen, weil sich unsere Kanäle optimal ergänzen."

Sie selbst will dabei weiterhin lieber im Hintergrund bleiben. Nach anderthalb Jahren bei einem Musiksender wisse sie zwar, was in diesem Geschäft Sache sei: "Trotzdem mische ich mich in die Musikauswahl nicht aktiv ein."

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VITA

1966 als Tochter eines Unternehmers in Bern geboren, studiert Catherine Mühlemann in ihrer Schweizer Heimatstadt Germanistik. Im Anschluss geht sie zum öffentlich-rechtlichen Schweizer Fernsehen DRS, wo sie unter anderem den Kanal SF2 aufbaut. Nach fünf Jahren wechselt sie als Programmdirektorin zum neu gegründeten Privatsender TV 3 in Zürich. Seit Mai 2001 leitet sie die MTV Networks GmbH in München und ist zuständig für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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