Die 45-Jährige ist Chefin der London Stock Exchange
Die unverstandene Erfolgsfrau

Clara Furse lässt die Öffentlichkeit über ihre Strategie im Ungewissen. Deshalb gibt es immer neue Gerüchte. Doch Furse setzt bei der Londoner Börse auf die Politik der kleinen Schritte.

LONDON. Sie trägt selbst dazu bei, dass es manchmal so aussieht, als befinde sie sich in der Defensive. In den Medien äußert sich die in Kolumbien, Dänemark und England ausgebildete Chefin der Londoner Börse (LSE) so gut wie gar nicht. Analysten verlassen strategische Briefings mit Clara Furse und dem Management in der Regel ebenso gut oder schlecht informiert wie zuvor. Und es bleibt der Phantasie der Beobachter überlassen, aus ihren vielen kleinen Initiativen das strategische Ganze zusammenzusetzen - wie bei einem Puzzlespiel.

Das hat sicherlich den Vorteil, dass die Konkurrenz die wahren strategischen Ziele von Clara Furse - sofern es sie gibt - kaum erkennt. Der Nachteil ist aber: Die Gerüchteküche brodelt.

Einiges, was dabei hochkocht, wie die in diesen Tagen über das Privatleben der Mutter von drei Kindern verbreiteten Äußerungen, ist ebenso hanebüchen wie haltlos. Von anderen Gerüchten wie der kürzlich kursierenden Absicht einer feindlichen Übernahme durch die Deutsche Börse bleibt auch viele Dementis später noch etwas hängen: der Eindruck etwa, dass die Londoner Börse schwach ist und nur ein Spielball in der Hand der wahren Strategen in Frankfurt oder Paris.

Der Eindruck trügt jedoch. Seit gut zwei Jahren befindet sich die 45-Jährige nun schon an der Spitze der wohl traditionellsten aller "Old Boys"-Institutionen. Allein dass sie diese Zeit überstanden hat, hätten der entfernten Verwandten der Industriellenfamilie Siemens nur wenige zugetraut. Ihre Vorgänger Michael Lawrence, Peter Rawlings und nach dem Fusionsdebakel mit der Deutschen Börse (IX) auch Gavin Casey waren alle eher unsanft aus dem Amt geschieden. Die Londoner Börse steckte nach dem Scheitern von IX in einer tiefen Identitätskrise, und die zierliche Frau mit der Löwenmähne stand kurz vor ihrer überraschenden Wahl nicht einmal auf der engeren Liste der Kandidaten.

Was sie innerhalb von zwei Jahren geschafft hat, ist weit mehr als ein Achtungserfolg. Die Londoner Börse konnte in einem schlechten Marktumfeld das Volumen im Aktienhandel um 40 Prozent steigern. Die von ihren Mitarbeitern als ebenso uneitel wie "bullig" und fordernd beschriebene Chefin holte zwei Drittel aller europäischen Neuemissionen im vergangenen Jahr an den Londoner Markt.

Nach dem erfolgreichen Selbst-Listing im Sommer 2001 befindet sich die LSE finanziell in einem guten Zustand: Das straffe Management der "No nonsense"-Frau ( Branchenspott) ließ die jährlichen Umsätze stärker steigen als die Kosten. Und der Ausbau des Informationsgeschäftes sowie die Kooperation mit der schwedischen OM zum Aufbau einer Derivateplattform lässt einige - zumindest mittelfristig - auf Wachstumsimpulse hoffen.

Die Erfolge werden freilich durch die größte Niederlage von Furse überdeckt: die gescheiterte Übernahme der in London beheimateten Terminbörse Liffe. Diese fiel nach kurzem Kampf im Herbst 2001 an die heutige Vierländerbörse Euronext. Furse agierte dort nach Meinung der Beobachter zu spät, zu zaghaft und zu wenig überzeugend - obwohl sie aus dem Derviate-Geschäft kommt und als Deputy-Chairman einst sogar im Liffe-Vorstand saß.

In den Wochen und Monaten danach wurde ihre eigene Enttäuschung über den geplatzten Deal wohl nur von dem Druck übertroffen, der von außen kam. Wenige trauten ihr noch zu, für die größeren Übernahmen in der Börsenlandschaft gewappnet zu sein.

Doch mittlerweile hat sich das Bild etwas gewandelt. So sehen Beobachter das größere Versäumnis beim im Sommer scheidenden LSE-Chairman Don Cruickshank, der die damals relativ neue Chefin Furse nicht genug unterstützte. Außerdem kommt ihre Politik der kleinen Schritte und ohne große Visionen in dem zutiefst verunsicherten Markt derzeit an. Und für die im privaten Gespräch durchaus charmante Börsenchefin stehen schon die nächsten kleinen Schritte an: So dürfte sich die LSE am Abrechner London Clearing House beteiligen, der gerade mit der Euronext-Tochter Clearnet fusioniert. Dass so etwas die Verbindung zwischen LSE und Euronext weiter stärkt, dürfte Clara Furse auffallen. Allerdings sollte niemand glauben, dass sie eine solche Erkenntnis für besonders erwähnenswert hält.

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VITA

Clara Furse wird 1957 in Montreal in Kanada als Spross einer niederländischen Familie geboren. Ihre Jugend verbringt sie in Dänemark und Kolumbien. Nach dem Studium an der London School of Economics startet sie ihre Karriere 1983 bei Philips Drew/UBS - der heutigen UBS Warburg. Sie steigt vom Director über den Managing Director 1996 zum Global Head of Futures auf. Sie wechselt zwei Jahre später als Leiterin des Derivatehandels zu Credit Lyonnais Rouse, einer Tochter der französischen Großbank. Vor ihrer Berufung zum CEO der Londoner Börse im Januar 2001 war sie von 1997 bis 1999 Vize-Chairman der Terminbörse Liffe.

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