Die 48-Jährige muss ihr Talent beim Aufbau von Xerox beweisen
Anne Mulcahy: Die umgängliche Saniererin

Anne Mulcahy rückt Anfang August an die Spitze des US-Technologiekonzerns Xerox. Die 48-Jährige hat früh gelernt, sich in einem von Männern dominierten Umfeld durchzusetzen.

Die neue Xerox-Chefin Anne Mulcahy sieht Hewlett Packard-Chefin Carly Fiorina zum Verwechseln ähnlich. Da sie das weiß, lässt Mulcahy keine Gelegenheit aus, die Unterschiede zwischen den beiden Top-Managerinnen zu betonen. Schließlich stehen die zwei Frauen mit dem modischen blonden Kurzhaarschnitt nun in direkter Konkurrenz zueinander.

Differenzen haben die beiden aber nicht erst seitdem. Als Fiorina vor zwei Jahren mit der Aussage zitiert wurde, es existierten keine "gläsernen Decken", die Frauen daran hinderten, in Unternehmen Karriere zu machen, reagierte Mulcahy mit einem bösen Brief: Sie wies auf die niedrige Zahl von Frauen in Führungspositionen bei Technologie-Unternehmen hin. Bei einem Vorstandstreffen im vorigen Jahr soll Mulcahy ihre Kollegen mit einer Parodie über ihre Konkurrentin und deren Werbekampagne amüsiert haben.

Die Ernennung der 48-Jährigen, die seit 25 Jahren beim Kopierer-Hersteller Xerox mit Sitz in Stamford/Connecticut arbeitet, kam nicht überraschend. Mulcahy wurde bereits vor 14 Monaten zur neuen Präsidentin und zum Vorstandsmitglied für das operative Geschäft (COO) ernannt, als der damalige Vorstandschef Richard Thomas nach nur einem Jahr gehen musste und sein Vorgänger Paul Allaire die Lücke füllte. Seitdem war klar, dass Mulcahy auf den Chefposten nachrücken wird, wenn sie es schafft, das krisengeschüttelte Unternehmen umzukrempeln. "Diese Bedingung ist eindeutig erfüllt", erklärte Allaire bei ihrer Ernennung.

Der Job an der Spitze von Xerox bleibt schwierig

Unter ihrer Leitung hat das Unternehmen die Kosten deutlich gesenkt und Bereiche, die nicht zum Kerngeschäft gehören, abgestoßen. Insgesamt 8 400 Mitarbeiter wurden seit September entlassen. Doch der Job bleibt für Mulcahy weiterhin schwierig. Xerox, dessen Abrechnungspraktiken bereits die US-Börsenaufsicht SEC beschäftigten, hat vorige Woche zum vierten Mal in Folge einen Quartalsverlust vorgelegt. Der Umsatz ging um 13 Prozent zurück. Die neue Chefin versprach jedoch den Anlegern, noch vor Jahresende in die Gewinnzone zurückzukehren.

Mit Mulcahys Amtsantritt am 1. August steigt die Zahl der weiblichen Vorstandschefs der 500 größten US-Unternehmen auf fünf. Die neue Xerox-Chefin hat schon früh gelernt, sich in einem vorwiegend von Männern dominierten Umfeld zurechtzufinden. Als einziges Mädchen in der Familie musste sie sich gegen drei Brüder durchsetzen. "Sie ließ nicht zu, dass wir sie ausschlossen, auch nicht beim Basketball", erinnert sich ihr ältester Bruder. Nach kurzer Zeit als Trainee bei der US-Bank Chase Manhattan kam sie 1986 zu Xerox in den Verkauf. "Ich habe das nie als Lebensstellung begriffen", sagt sie. Dennoch blieb die Mutter zweier Söhne bei Chase: "Jedes Mal wenn ich versucht war, zu gehen, haben sie etwas Interessantes für mich gefunden."

Marktbeobachter sind geteilter Meinung darüber, ob es besser ist, ein "hauseigenes Gewächs" an die Spitze von Xerox zu setzen oder lieber frischen Wind von außen zu holen. Doch sie sind fast alle überzeugt, dass die als umgänglich geltende Mulcahy Führungsqualitäten hat und ein Unternehmen restrukturieren kann. Nun muss die Saniererin zeigen, ob sie beim Aufbau und beim Management des Wachstums genauso talentiert ist.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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